Der STammbaum Jesu

Dargestellt in der ersten Tafel Des Codex Lucca

Lebenswurzeln (lat generationes)

Lebendiges Leben wird weitergegeben von Generation zu Generation (lat. generationes vgl Gen 2). Auch meine ganz persönliche Existenz beginnt nicht ad hoc bei meiner Geburt, sondern ist schon lange vorher geprägt von meinen Vorfahren, ihrer Art zu zu denken und zu leben, ihren Problemen und ihren Fähigkeiten, mit Problemen umzugehen. Hier sind meine Wurzeln. Viele Familien haben einen Stammbaum, von dem aus sie sich verstehen oder von dem sie sich abgrenzen. 

Zu Hildegards Zeit wurden Berufe in Familien weitergegeben. "Stammbaum" wird also nicht einfach privat von seiner biologischen Herkunft her verstanden. Medizinische Traditionen gleichen Familientraditionen, sie haben geistige "Wurzeln" und  "Stammbäume", in denen ihre Medizin einen Raum gefunden hat, in dem sie weitergegeben werden konnte. 


Wir kennen alle einen medizinischen "Stammbaum". Der Äskulapstab ist bis heute Symbol von Medizin und Pharmazie. Er enthält nur einen - den männlichen - Aspekt Hippokratischer Heilkunde. Ursprünglich bestand er aus einem männlichen und weiblichen Aspekt. Sie beide bilden gemeinsam einen "Stammbaum" der Medizin, der über viele Generationen bis in eine Zeit vor Christi Geburt zurückgeht. 

Äskulap - der Mann -   Gott griechischer  Heilkunde und "Sohn" des Lichtgott Apolls - hält in seinen Händen einen Stab, um den sich eine Schlange windet. Allen ist gemeinsam, dass sie sich nach oben orientieren - sie "wachsen" nach oben. 

Ihm zur Seite steht Hygieia, der weibliche Aspekt der Medizin. Ihr entsprechen die Zweige des Baumes, die Früchte hervorbringen, von denen sie die Schlange nährt. Sie orientiert sich nach unten, zur "Erde". 

Das Schaubild lehrt: Hippokratische Medizin wurzelt in einer tiefen Gemeinsamkeit von Mann und Frau, einem gemeinsamen inneren Wesen: Liebe. Sie beginnt als erotische Liebe (Eros) und integriert  die mütterliche nährende und pflegende Liebe (Agape). 

Aus dieser Liebe heraus bilden sie einen "Stammbaum" und stehen am Anfang einer langen Generation von Ärzten, deren Medizin von ihnen geprägt war bis in unsere Zeit. 


 Im Unterschied zu Eros und dessen Antrieb zur Vervollkommnung bedeutet Agape das einfache Sich - zufrieden - geben mit der Situation, eine freie Entscheidung für das Geringe (Philosophisches Wörterbuch). 

Inkulturation

Die christliche Kirche brachte von Anfang an der Hippokratischen Medizin eine große Achtung entgegen. Sie hat ihre Vorstellungen nicht einfach zerstört, sondern aufgegriffen und daran ihre Medizin dargestellt. 

Die deutsche Sprache hat diese Unterscheidung nicht aufgenommen. Wir müssen sie erst wieder in unser Gedächtnis rufen. Beide Medizinen haben beide Formen der Liebe, aber sie werden verschieden gewertet. Das hierarchisch höchste prägt das andere. 


Der Stammbaum Christi weist bis in Einzelheiten ähnliche Züge auf. Der einzige Unterschied liegt in dem "inneren Wesen", der verborgenen Kraft, in der die Medizin wurzelt. 

Die alte Mönchsheilkunde sieht sich in direkter Kontinuität zu Christus, dem "Baum des Heils". Ganz ähnlich der Hippokratischen Medizin kann man die beiden Heilprinzipien Hippokratischer Medizin unterscheiden. In den Evangelien werden zwei Stammbäume überliefert. Jeder für sich bildet einen wichtigen Grundpfeiler für Hildegards Medizin. 


Discretio - Arons Stab -  Matthäus 1, 1- 17

Der Evangelist Matthäus stellt in seinem ersten Kapitel Christus vor als  "Sohn" Davids und Sohn Abrahams.Man erkennt eine "Ordnung", die geprägt ist von den Gesetzen des Alten Testaments. 

Er ist ein „Diener der Beschneidung, zu bestätigen die Verheißungen, die den Vätern gegeben sind“ (Rm 15, 8), so wie Christus sagt: „Das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4, 22). Darin unterscheidet er sich von allen anderen Völkern. Es ist nicht der Äskulapstab, sondern "Aarons Stab", um den es hier geht. 

Es werden Muster des Äskulapstabs deutlich: 

  • Mann und Frau
  • Zahlensymbolik

Der Stammbaum Jesu ist nicht rein, sondern weist auf „Verschmutzungen“ (Miasmen) hin, die nicht in die Heilsordnung passen. Sie werden der "unteren" weiblichen Symbolik zugeordnet.

  • Tamara empfängt ihr Kind durch Inzest
  • die Frau des Uria empfängt ihr Kind durch Ehebruch einschließlich Mord des Gatten
  • Ruth ist Ausländerin, gehört nicht zu den Juden

Der Stammbaum endet mit Maria, der Mutter Christi. In ihr erfüllt sich die Verheißung des Alten Testaments. Obwohl mit Christus etwas Neues beginnt, gibt es eine Kontinuität zu der alten Verheißung.

 


Auf dem Weg der Demut finde ich zu der gemeinsamen Wurzel, der Essenz von Christi Stammbaum.  Es gibt eine tiefe innere Gemeinsamkeit zwischen allen Heilgesetzen und Prinzipien. Sie liegt verborgen in der Caritas - der barmherzigen opferbereiten Liebe. So werden Anfang und Ende - die vergangene und die gegenwärtige Zeit - zu einer inneren Einheit verknüpft. 


Auf der ersten Tafel kann man viele "Lebensweisen" unterscheiden:

  • Tiere
  • Mineralien
  • Seitenbeziehungen 
  • oben - unten - Beziehungen

Sie alle bringen neue Lebenskraft hervor wie ein "Stammbaum". 

Fragt man nach der Essenz des Lebens von Abraham, nach seinem Wesen, das wir bis zu Christus verfolgen können, so finden wir die Antwort in der Geschichte der Opferung Isaacs (1.Mose 22). Ihr Symbol ist das Opferlamm, und sie bildet das Herzstück der ersten Tafel.

Nach heidnischer Sitte fordert Gott von ihm das Opfer seines Sohnes. Abraham erweist sich dieser Aufforderung würdig in seiner inneren Haltung der Opferbereitschaft. 

Die Essenz der opferbereiten Grundhaltung findet man auch bei Maria.


Denn Gott wusste, dass Abrahams Gesinnung frei war vom Trug der Schlange, da sein Tun niemandem Schaden zufügte. Deshalb erwählte Gott aus seinem Geschlecht die schlummernde Erde, die gar nichts von jenem Geschmack an sich trug, mit dem die alte Schlange das erste Weib betrogen hatte.  Jene Erde aber, vorgezeichnet durch Aarons Stab, war die Jungfrau Maria (besser: jene Art, mit Erde umzugehen, war die der Jungfrau Maria). ....Der Gehorsam Abrahams, durch den Gott seinen Glauben erprobte, indem Er ihm den Widder zeigte, der sich im Dorngestrüpp verhangen, war ein Vorzeichen für den Gehorsam der seligen Jungfrau. Auch sie glaubte dem Wort des Gottesboten und wünschte, dass ihr nach seinem Worte geschehe. (HvB. LDO I17). 



Gehorsam und Opfer ist das Wesen dessen, was durch die Generationen weitergegeben wurde bis zu Christus selbst. Sie prägen seine körperliche Existenz. Diese innere Haltung, geprägt in vielen Generationen, gehört wesensmäßig zum Mönchstum und zur christlichen Existenz. Darin unterscheidet sie sich von allen sie umgebenden Heilkunden. 


Die christliche Heilkunde ersetzt die Stammeltern Äskulap und Hygiea durch Abraham und Maria. In ihrer opferbereiten Haltung entsprechen sie dem Wesen der Natur und dem Schöpfer selbst.

Der Stab wird zum Griffel - Symbol des Zacharias. Er musste lernen, Gott zu gehorchen, und nur so fand er zur Gesundheit. 

Die innere Haltung von Opfer und Gehorsam ist gesünder als der Wunsch, sich weiterzuentwickeln und Gutes für sich selbst zu tun. Die Selbstliebe ist der Eigenliebe untergeordnet und kann sich nur von dieser Haltung her in gesunder Weise entwickeln.  

Das Discretio Prinzip ist ein wichtiges Thema von Hildegards Werk Liber Vitae Meritorum. Hier stellt sie geistige Heilprinzipien vor, zwischen denen sich der Mensch entscheiden muss. 

Es ist ferner ein wichtiges Polaritiätenprinzip in Hildegards Heilkunde Physica. 

Aber es ist nicht das erste Heilprinzip. Der Mann dient der Frau! Es dient dem Simile Prinzip und ist ihm nachgeordnet! Die Hintergründe erkennt man in der Geschichte Abrahams.  

Simile - Lukas 3,23 - 38 - die Zweige

Der Stammbaum des Lukas geht genau anders herum. Um sich ihm zu nähern, muss man die Symbolik Hippokratischer Medizin von Hygiea aus lesen. So wie ein Baum mit seinen Zweigen Raum einnimmt, mit seiner Umwelt in Kontakt tritt und von ihr berührt wird, so wird Christus aus seiner Umwelt verstanden - gehalten für einen Sohn Josephs, welcher war ein Sohn Elis....(Lk 3, 23). Auf diese Weise ist er in der Lage, den Stammbaum weiter zurückzuführen bis in die Zeit der Urgeschichte hinein zu Noah und schließlich Adam bis hin zu Gott ( „Adam war Gottes“). Von Christus aus geht eine durchgehende Linie über alle Menschen bis zu Gott selbst. Auf einer tiefen unteren Ebene sind sich alle ähnlich. 

Die drei Mönche auf dem Bild sind geprägt von dem Monstrum über ihnen. Trotz aller Frömmigkeit und der treuen Einhaltung aller Vorschriften - auch in Bezug auf Medizin - gehören sie zu der verlorenen gefallenen Menschheit. Das Monstrum ist gleichzeitig ein Symbol für Christus  - ohne Gestalt noch Schöne - der allerverachteste und unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg. Man kann beide nicht auseinanderhalten, sie sind sich zutiefst ähnlich. 

Gott benutzt das Simile Prinzip, um den Menschen zu heilen und zu retten! 

Die Liebe (Caritas) ist es: in der Kraft der unvergänglichen Gottheit, von auserlesener Schönheit, wunderbar in ihren geheimnistiefen Gaben. Sie erscheint in der Gestalt eines Menschen, weil er Sohn Gottes, als Er sich mit dem Fleisch bekleidete, den verlorenen Menschen im Dienst der Liebe erlöste( LDO III, 3). 

Apoll ist wunderschön und kunstvoll. Die göttliche Liebe schließt die Hässlichkeit von Krankheit und Tod mit ein. Sie ist noch jenseits der Liebe des Apollo und geht viel tiefer. Sie hat darum auch eine tiefere Heilkraft. 

 

Das Prinzip der Stellvertretung

Der Stammbaum Christi nach Lukas weist eine Besonderheit auf: Es gibt einen Bruch in der Generationenfolge - von uns aus gesehen. Er liegt in der Urgeschichte. Lamech gehört biologisch in die Familiengeschichte des Kain - aber hier wird Seth genannt, sozusagen in Stellvertretung des getöteten Abels. Der Stellvertretungstod ist das Thema, das Hildegard aus dieser Geschichte thematisiert. 

 

Abraham vollzieht das Opfer nicht real. Bei ihm steht die geistige Haltung des Opfers im Zentrum der Betrachtung. 

Der reale Vollzug verwirklicht sich im Opfer des Sohnes Gottes. Stellvertretend wird der Widder geopfert, der in der nahen Umgebung  von einem Dornenstrauch festgehalten wird. 

Im Opfer vollzieht sich die tiefe Einheit von den Gesetzen der Natur, Gott und Mensch. 

Darum bekleidete sich in ihr Gottes Sohn, vorgebildet (praesignare) durch den im Dornbusch hängenden Widder, mit dem Fleisch. Als Gott dem Abraham ein Geschlecht versprach, so zahlreich wie die Sterne des Himmels, schaute Er in ihm jenes Geschlecht voraus, dass der Vollzahl der himmlischen Gemeinschaft zugezählt werden sollte. Weil Abraham voller Vertrauen Gott in allem glaubte, wird er auch der Vater aller derer genannt, die das Himmelreich erben (HvB. LDO I17). 



Die Praxis der Mönchsheilkunde knüpft sie ebenfalls direkt an die Geschichte von Abrahams Opferung an. Sie ist ebenfalls in der ersten Tafel enthalten. Das Autorenbild wird nicht gesehen, sondern gerochen. Der Wohlgeruch des Opfers kommt von den traditionellen Opferpflanzen Weihrauch und Myrrhe (Dornenstrauch bei Isaacs Opferung). Er strömt nach oben und zu allen Seiten und verbindet die Tafeln zu einer inneren Einheit. 

"Alles ist zutiefst miteinander verbunden und kann nicht voneinander getrennt werden." 

Moderne Zugänge

Homöopathie

Unterscheide: Pathologie und Disposition

„Disposition ist das, was die für jeden Menschen einzigartige Weise bestimmt, wie er auf Ereignisse reagiert. Dazu gehören dauerhafte Eigenschaften, positive und negative, die unsere Haltungen und Handlungen bestimmen“ (Hahnemann, Organon). 

Es hat sich in der Praxis als sehr hilfreich erwiesen, einen Stammbaum der Lebens- und Krankheitsgeschichte aufzustellen, um einen Zugang zu der eigenen Person zu bekommen. Meine Vorfahren geben mir Hinweise auf meine Disposition, d.h. die Art und Weise, wie ich auf Krankheit reagiere. 

Praxis: Mache dir selbst einen Stammbaum.

Gehe so weit zurück in der Familiengeschichte wie du kannst.  Alles was vor Dir geschah, hat dich geprägt, sei es positiv oder negativ. Lerne dich dabei aus deiner Familie zu verstehen. So fällt es dir leichter, Deine Disposition zu erkennen. Nimm dir Zeit, darüber nachzudenken. Erkenne dich selbst!

Rede mit deinem homöopathischen Arzt über deinen Stammbaum. Er wird ihm helfen, das richtige Heilmittel für dich zu finden. Aber Kügelchen allein helfen dir nicht nachhaltig. Du musst deine ganze Person in die Heilung einbeziehen. Dem Opfer der Naturheilmittel muss das Opfer Deiner Person folgen, dann erst bist du in einer inneren Harmonie von Körper und Seele. 


Autophagischer Zelltod

Der Gedanke, das Wesen der Natur vom Opfer her zu verstehen, ist ganz aktuell. Es betrifft nicht nur die Heilmittel, sondern auch unseren Körper. Unser "tägliches Sterben" hat eine medizinische Bedeutungsebene: 

 "Programmierter Zelltod (Apotose)ist der physiologisch ablaufende Tod von Zellen in einem mehrzelligen Organismus. Dieser dient in der Regel dazu, für die Entwicklung oder den Fortbestand des Organismus unnötige oder hinderliche Zellen gezielt zu entfernen.

Das Gegenteil zum programmierten Zelltod stellt der traumatische Tod einer Zelle (Nekrose) dar.

Der programmierte Tod von Zellen ist wie deren Wachstum (Zellproliferation) für die Selbstregulation eines mehrzelligen Organismus unabdingbar. Ein Ausfall oder eine Verminderung des programmierten Zelltods kann zur Tumor­bildung führen. Auch eine verstärkte Zelltodrate kann negative Auswirkungen haben, z. B. durch die Ausbildung degenerativer Erkrankungen wie Chorea Huntington oder Amyotropher Lateralsklerose.

Speziell im Immunsystem spielt der programmierte Zelltod eine wichtige Rolle. So eliminieren Cytotoxische T-Zellen virusinfizierte oder entartete Zellen durch die Induktion von programmiertem Zelltod. Auch bei der Reifung von T-Lymphozyten und B-Lymphozyten werden potenziell autoreaktive Zellen, d. h. Zellen, die körpereigenes Gewebe angreifen würden, durch programmierten Zelltod beseitigt. Dabei auftretende Fehler können Autoimmunkrankheiten wie etwa Multiple Sklerose oder rheumatoide Arthritis zur Folge haben. Des Weiteren werden nach einer erfolgreichen Immunantwort aktivierte T-Zellen, die nicht mehr benötigt werden, durch programmierten Zelltod entfernt." (Wikipedia).

Man kann das Geschehen interpretieren als "Selbstmord" der Zellen oder in unserem mechanistischen Weltbild als ein Auto, das ständig repariert und erneuert wird. Die Klostermedizin spricht in dem Zusammenhang vom freiwilligen Opfer. Sie hat einen anderen geistigen Hintergrund.