Heilende Bilder

Dargestellt in der ersten Tafel Des Codex Lucca

Die alten Heilkunden haben ihre Theorien in Bildern dargestellt. Das älteste Symbol der Medizin ist das Caduceus Symbol. Es lässt sich zurückverfolgen bis zu den Sumerern 2000 vor Christus. 

In der ersten Tafel sehen wir als christliches Heilsymbol den Christus Medicus. Er ist gemalt in der Symbolsprache alter Medizin. Hier auf dieser Seite werden wir jedes Symbol für sich genau betrachten. 

Die Wurzeln christlicher Medizin liegen in der Caritas - der besonderen Form christlicher Liebe. Sie wird in jeder der Tafel anders mit den Sinnen wahrgenommen. 

Denn was du im Geheimnisse Gottes als wunderschöne Gestalt erblickst, gleich wie ein Mensch gebildet, sinnbildet die Liebe (Caritas) des himmlischen Vaters. Die Liebe ist es: in der Kraft der unvergänglichen Gottheit, von auserlesener Schönheit (die die Hässlichkeit des Todes mit einschließt), wunderbar in ihren Geheimnis tiefen Gaben! Sie erscheint in Gestalt eines Menschen, weil der Sohn Gottes, als Er sich mit dem Fleische bekleidete, den verlorenen Menschen im Dienst der Liebe erlöste.“ (LDO I,3).  


Ein Weg der Heilung von oben nach unten

Barmherzige Liebe kann man nicht einfach so äußerlich erkennen. Sie hat eine tiefe Dimension, kommt tief von innen aus dem Herzen. Was man erkennen kann, ist Christus - die Lebenskraft. Wie er geht sie einen Weg von oben nach unten.  Sie wandelt sich in einen Weg von unten nach oben. 


Paulus, enger Mitarbeiter des Lukas, beschreibt den Weg im Christus Hymnus Philipper 2, 5ff:

Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: 

Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein.

sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. 

Darum hat ihn auch Gott erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes des Vaters. 


Die Schnittstelle des Wandels ist im unteren Teil des Bildes. Unter dem Paradigma lebendiges Leben wird der Tod nicht als er selbst dargestellt, sondern in einer Situation im Angesicht des Todes. Das Monstrum ist noch nicht gestorben, aber es geht unweigerlich auf den Tod zu.

 

Das Monstrum auf der ersten Tafel ist noch nicht gestorben, aber es geht unweigerlich auf den Tod zu. 

  • Von der christlichen Auslegungstradition her haben wir hier ein Bild für den gefallenen Menschen unter Adam (Gen 3). Er hat auf die Schlange gehört, die sich hier an seinem Ohr festbeißt. Ihr "Gift" ist ganz durch ihn gedrungen, zuerst auf der geistigen Ebene, und dann bis in die körperliche Ebene hinein. Krankheit, Leid und Tod prägen von nun an sein Leben bis zum Ende. 
  • Das Paradigma lebendiges Leben erlaubt noch eine andere Bedeutungsebene: Christus selbst - die Lebenskraft in Person - ist wie Adam am Kreuz gestorben. 

Man kann auf dem Bild nicht unterscheiden: handelt es sich um Christus oder um den gefallenen Menschen. Das hat einen tiefen Sinn. Gott wird dem Menschen ähnlich, um ihn zu heilen. Er wird ihm zum - homöopathischen - Heilmittel.  Dieses göttliche Prinzip der Inkarnation hat für Hildegard eine tiefe Bedeutung für ihre eigene Medizin. Sie ist die "Causa exemplaris" - gibt ihre eigene Leitlinie an. Das Ähnlichkeitsprinzip wird für sie zum wichtigsten Heilgesetz. 


Homöopathie im Kontext Hippokratischer Medizin

Hildegard verknüpft ihre Homöopathie das Bild mit Hippokratischer Medizin, die in ihrer Zeit noch praktiziert werden konnte. Auch hier gebraucht sie die Symbolsprache der Bilder. 

Der Äskulapstab - bis heute Symbol von Medizin und Pharmazie - enthält nur einen Aspekt der Medizin. Ursprünglich gehört er zu einem "Lebens" - oder "Stammbaum". 

Äskulap - der Mann -   Gott griechischer  Heilkunde und "Sohn" des Lichtgott Apolls - ist ein Symbol des Discretio Prinzips - des wichtigsten Prinzips Hippokratischer Heilkunde. Lerne zu unterscheiden: oben - unten, rechts - links, Tier - Pflanze, Gott - Mensch. 

Ihm zur Seite steht Hygieia, der weibliche Aspekt der Medizin. Sie ist das Bild einer personifizierten Homöopathie. Alles ist sich ähnlich und tief miteinander verbunden.  Schaut man sich Schlange und Baum an, kann man beide nicht mehr unterscheiden. 

Ihre Medizin wurzelt in einer tiefen Gemeinsamkeit, einem gemeinsamen inneren Wesen: Liebe. Die griechische und lateinische Sprache differenziert zwischen verschiedenen Aspekten der Liebe. Für den Äskulapkult ist Eros der hierarchisch erste Aspekt der Liebe, der alle anderen Aspekte prägt. Er wird personifiziert im Gott "Eros", der erotischen leidenschaftlichen Liebe. In seinen Händen hält er Pfeil und Bogen, mit denen er seine "Beute" genau treffen konnte. Liebe wird hier weit verstanden und ist nicht auf die Liebe zwischen Menschen beschränkt, sondern erfasst die Liebe zur Kunst und Wissenschaft, und eben auch zur Medizin. 

Die griechische Sprache kennt nicht nur Eros, sondern auch die Liebe als Agape Liebe. Dazu gehört die dienende Liebe, Sklavenliebe, aber auch - in ihrer Kultur - die weibliche, d.h. mütterliche Liebe. Sie ist nur hierarchisch anderes bewertet.  Sie ist in der anderen - der Liebe zu sich selbst - enthalten, ein anderer Aspekt. 

 Im Unterschied zu Eros und dessen Antrieb zur Vervollkommnung bedeutet Agape das einfache Sich - zufrieden - geben mit der Situation, eine freie Entscheidung für das Geringe (Philosophisches Wörterbuch). 

 

Hildegard von Bingen stellt in ihrer ersten Vision ihre Medizin in den Kontext der Hippokratischen Medizin. Was ist nun das Besondere ihrer Medizin, das sie auf diesem Hintergrund zum Ausdruck bringt? Es liegt nicht auf einer unteren Ebene an Technik und Methoden, sondern in der tiefen Ebene der Liebe. Für die griechische Heilkunde ist Eros die zentrale Energie, für die christliche Medizin die Liebe in Form der Agape Liebe. Die Liebe zu sich selbst ist in der Liebe zum Nächsten enthalten. Sie hilft der Nächstenliebe.

Zu einem gesunden Menschen gehört selbstverständlich die Selbstliebe. Aber sie ist nicht ein Maßstab. Fühle ich mich z.B. überfordert, so ist es mir nicht mehr möglich, meinen Nächsten von Herzen zu lieben. Um dieser Liebe zu meinem Nächsten willen muss ich daher auf mich achtgeben und mir etwas Gutes tun. 

 

Lies dazu die erste Vision in Hildegards Werk Liber vitae meritorum

 

Für die Medizin heißt dies: das Discretio - Prinzip ist in dem Ähnlichkeitsprinzip enthalten. Es hilft dem Ähnlichkeitsprinzip. 

Der Mönchsvater Johannes Cassianus schreibt: Wenn du die Demut in Wahrheit besitzt, wird sie dich sofort zu einer höheren Stufe, zur Caritas (Liebe) empor führen. (Einrichtung der Klöster IV,39). 

Der Weg der Demut bezieht sich  auch auf die Medizin.

 


Wandlungsphasen

Die christliche Kirche hat von ihrem inneren Selbstverständnis her von Anfang an versucht, die gute Nachricht von Christus in die Sprache der sie umgebenden Kultur zu übersetzen. Sie brachte  der Hippokratischen Medizin eine große Achtung entgegen. Sie hat ihre Vorstellungen nicht einfach zerstört, sondern aufgegriffen und daran ihre Medizin dargestellt. 

Die deutsche Sprache hat allerdings die Unterscheidung von Eros und Agape nicht in ihr Sprachempfinden aufgenommen. Wir müssen sie erst wieder in unser Gedächtnis rufen. Beide Medizinen haben beide Formen der Liebe, aber sie werden verschieden gewertet. Das hierarchisch höchste prägt das andere, es gibt kein Entweder - Oder. Beide können sich ineinander verwandeln

 


Codex Lucca, Tafel 1 Autorenbild
Codex Lucca, Tafel 1 Autorenbild

Wir sehen die Verknüpfung mit Hippokratischer Medizin auf dem unteren Bild. Es zeigt: im Christentum haben sich die Verhältnisse gewandelt. Die christliche Kirche ersetzt Äskulap und Hygieia durch Abraham und Maria und den Äskulapstab durch Aarons Stab. Die Kraft, die sie tief innen verbindet, ist die opferbereite Liebe (Caritas). Sie ermöglicht, dass die Gesetze - hier des Patriarchats - nicht letzte Gültigkeit haben, sondern der Mann der Frau dient. 

 

Äskulap war ein großer Arzt, aber Christus ist der Arzt, der sich für mich geopfert hat. Er hat sein Leben gegeben, um mich zu erlösen. Seine Heilung reicht bis in die Tiefe des Todes, wo kein Mensch mehr heilen kann. Das gibt den Gesetzen der  Medizin eine andere Qualität und ordnet von innen her neu. 


So wie man eine Frau nicht vom Mann her definieren kann, so auch nicht Hildegards Medizin mit der Forschung der Hippokratischen Heilkunde. Sie hat ihre eigene Ausprägung. Selbst ihre Homöopathie ist anders als die Homöopathie, die auf Hahnemann und die Hippokratische Medizin zurückgeht. Sie ist trotzdem in ihrer Art logisch stringent und vor allem sehr hilfreich, auch für mich als praktizierendem Homöopathen.