Evagrius Ponticus (345 - 399)

 

Evagrius Ponicos war ein griechisch sprechender gebildeter Mönch der ägyptischen Wüste. 

Seine Lebensgeschichte und seine Werke sind neu übersetzt und herausgegeben von Gabriel Bunge, OSB. 

 

Die Schriften des Evagrius Ponticus bilden eine gemeinsame historische Quelle von Hildegard von Bingen und der Traditionellen Chinesischen Medizin. Obwohl Evagrius Ponticus ein scheinbar einsames Leben als Anachoret in der ägyptischen Wüste Kelia lebte und dort auch starb, hat er einen weiten Wirkungskreis. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen verfasst und gelangten im 5. Jahrhundert bis nach Turfan, China. Ausgrabungen haben gezeigt, dass es dort schon sehr früh eine christliche Gemeinde gegeben hat. 

 

Untersuchungen von Prof. Frühauf (TCM) ist "seine Anthropologie des Menschen ...ihrem Wesen nach sehr identisch ...mit der, wie sie Liu Yiming" in seiner Lehre der Wandlungsphasen schildert. 

 

 

 

Liest man das Autorenbild von links nach rechts, so erkennt man  die drei großen spirituellen Heilmittel des Evagrius: 

 

Die acht Laster Lehre

 

Evagrius Ponticos hat ein Organismusmodell, nach dem im Menschen acht grundlegende Bestrebungen vorliegen. Sie werden beschrieben als acht Gedanken (logismoi).

 

In der Kirchengeschichte werden die "Gedanken" moralisch verstanden als eine Art Moralschema. Der Lasterkatalog mit den sieben Hauptsünden wurzelt in dieser Lehre, wobei die Traurigkeit wegfiel. 

 

Für Evagrius Ponticus sind Gedanken nicht Sünden, sondern zunächst einfach nur Gedanken, oft mit Energie geladen. Gabriel Bunge interpretiert sie im Kontext der Theologie und Psychologie als "Emotionen, Leidenschaften usw., die im Herzen des Menschen wach werden, ob er das will oder nicht.....Evagrius möchte die Menschen lehren, diese inneren Bewegungen und Bestrebungen ihrer Seele zu verstehen, sie rechtzeitig wahrzunehmen und in geeeigneter Weise damit umzugehen. Dann werden sie nicht mehr von ihren inneren Bestrebungen dominiert, sondern können in eine innere Freiheit und Ruhe gelangen, damit kontemplatives Beten möglich wird." (E. Pontikos, Die große Widerrede, Vier Türme Verlag 2010).


Evagrius Ponticus

 Hildegard von Bingen

 

Gott ist wie ein Vater

 

Gott ist wie eine Mutter

die großen Dinge sind wichtig: Theologie, Glaube

die kleinen Dinge sind wichtig: Heilmittel

Christologie von oben 

Christologie von unten


 

Hildegard von Bingen gibt den acht Gedanken die Gestalt von Tieren. Sie können im Körper wahrgenommen werden als Teil eines außerordentlichen Meridiansystems. 

 

Der Text ist dargestellt in der Miniatur zu Vision 2. Hier werden nicht wie im Lasterkatalog Gedanken gestrichen, sondern im Westen (3Uhr) und Norden (6 Uhr) zugefügt. Streicht man die nachträglichen Fälschungen, dann kommt man zu der charakteristischen Zahl 8.

 

Das Logismoi im Wendekreis bei Evagrius Ponticus ist die Akedia, übersetzt als "Überdruß". Nimmt man hier nur die ganz einfach die Beschreibung der Symptome im Leben eines Eremiten, erkennt man den "engen Raum":

Das Auge des Überdrüssigen beobachtet häufig die Fenster, und sein Geist stellt sich die Besucher vor. Die Türe hat geknarrt - und er ist aufgesprungen. Er hat eine Stimme gehört - und aus dem Fenster gesäht, und er geht von dort nicht weg, bis er, lahm geworden, sich setzt. 

Beim Lesen gähnt der Überdrüssige oft, und leicht versinkt er in Schlaf. .....(De oratione tractatus I)

 


Literatur:

Evagrius Ponticos, Der Praktikos. Beuroner Kunstverlag 2011

Evagrius Ponticos, Über die acht Gedanken. Beuroner Kunstverlag 2011