Die Nase

Bevor Hildegard ihr schwer verständliches Werk LDO sozusagen als ihren persönlichen Höhepunkt ihrer Medizin schrieb, verfasste sie das Werk Liber vitae meritorum. Es enthält viele Gedanken, die direkt auf das Werk LDO hinführen und die helfen, sich in Hildegards Gedankenwelt zurechtzufinden.  In Vision 3 beschreibt sie einen Menschen, der eine verunstaltete Nase hat. Er kann seine Sinne nicht mehr in der richtigen Weise gebrauchen und keine guten Diagnosen mehr stellen. Er ist nicht mehr feinfühlig genug im Tasten und steht mit seinen Beinen nicht mehr fest auf der Erde. 

Die gute Atmosphäre hängt ab von der inneren Haltung. Ein Mensch, für den die "joculatrix" an oberster Stelle steht, strahlt nicht die Körperatmosphäre aus, die er für seine Medizin braucht. Die Übersetzung des lateinischen Wortes mit  "Vergnügungssucht" hat heute einen moralischen Unterton, der so bei Hildegard nicht gedacht ist. Das Leben hat für Hildegard einen tiefen Ernst und ist geprägt von Verantwortung, die über Vergnügen und Selbstverwirklichung hinausgeht. 

In der praktischen Gesichtsdiagnostik ist eine gerade wohlgeformte Nase ein wichtiges Zeichen für Harmonie im Körper. Die Christusdarstellungen der Ikonen stellen Christus grundsätzlich mit einer geraden Nase dar. Eine verunstaltete Nase ist ein Hinweis auf Krankheit. 

Hildegard von Bingen, Liber vitae meritorum (Der Mensch in der Verantwortung) I, 14 - 15

 

Die dritte Erscheinung glich einem Menschen, der eine völlig verunstaltete Nase hatte. Seine Hände sahen aus wie Bärentatzen, und die Füße erschienen wie Greifenklauen. Er hatte schwarzes Haar und trug ein mattfarbenes Gewand. Und die Gestalt sprach:

 

Die Vergnügungssucht (ioculatrix) spricht: 

„Wieviel besser ist es doch, sich zu verlustieren statt Trübsal zu blasen! Spiel und Spaß ist doch wohl kein Unrecht! ….

Gott schuf ja die Luft, die mir so süßen Klang zuträgt. Frische Blumen lässt sie mir sprießen, eine Augenweide für mein fröhliches Herz. Warum sollte ich mich nicht an ihnen ergötzen? Mensch und Tier und Tier und Mensch treiben lustig ihr Spiel miteinander! So ist es recht, so soll es sein!!

 

Die Schamhaftigkeit (verecundia) gibt Antwort:

Und abermals hörte ich aus der Sturmwolke eine Stimme dieser Gestalt antworten: Du dienst einem Götzen, wenn du immer nur deinen Lüsten nachlebst. Ein toter Schall wirst du schließlich sein, gemacht von Menschenhand. Dein Wollen gibt sich teils menschlich, teils viehisch, da du dich bald nach Menschenart, bald wie ein Tier benimmst. Insgesamt aber gleicht dein Verhalten mehr der toten Kreatur als einem Lebewesen, da du nur das erhaschst, wonach dir der Sinn steht. Auf der Bahn wahnhafter Widersprüchlichkeit schreitest du einher.

Ich aber werde bei alledem rot vor Scham und suche Schutz unter den Flügeln der Cherubim. Mir werden in den Vorschriften der Schrift die Geheimnisse Gottes kund. Und so bin ich in himmlischen Dingen lauter Leben. Ich schaue mit den Augen der Unschuld, und allüberall bekomme ich in ehrbarer Haltung nach Gottes Willen das zu sehen, was du in blinder Unwissenheit fliehst".