Autorenbild

 

Der gute Geruch - die gute Atmosphäre 

 

Unter Miniatur 1, wie angehängt, befindet sich das sogenannte Autorenbild. Hildegard von Bingen stellt sich vor als Autorin des Werkes LDO (Liber Divionorum operum), das Lehrbuch, die Bilder dienen lediglich seiner Illustration. Dieses Bild führt ein in Hildegards Homöopathie. Hildegard demonstriert den wesentlichen Grundsatz an sich selbst: sie stellt sich dar innerhalb der Klostertradition. Wir haben in einem ersten Kapitel gefragt, wie diese Klostertradition ausgesehen hat, und haben in dem Zusammenhang  wichtige  "Väter" der Mönchsgeschichte vorgestellt. Nun kommt es darauf an, wie Hildegard diesen Aspekt erlebt.  Nicht das Objektive des Falls, sondern das subjektive Erleben wird wichtig. 

Das subjektive Erleben oder Wahrnehmen teilt Hildegard ein in die Wahrnehmung nach den fünf Sinnen. Jedes Bild wird mit einem anderen Sinn wahrgenommen. Es ist sehr wichtig, sich immer klar zu sein, auf welcher Ebene der Sinneswahrnehmung man sich befindet. 

Hier führt Hildegard den Betrachter ein in die Atmosphäre der Klosterschreibstube, in der ihr Werk LDO entstanden ist. Es ist eine gute harmonische Atmosphäre, die produktive sinnvolle Arbeit ermöglicht. Was wir hier im Makrokosmos beobachten, wird zum Bild für den unsichtbaren Mikrokosmos in uns.  Gesundheit ist abhängig von einer guten Arbeitsatmosphäre im Körper. Sie wird konkret im guten angenehmen körperlichen "Geruch" und der seelischen Ausstrahlung. Abweichungen davon sind ein Symptom für Krankheit. 

 

Im Zentrum des Bildes steht eine Erfahrung des Christus Medicus. Dabei muss man wissen, dass ein Heilen durch Geruch sich nicht nur auf präparierte Heilmittel bezieht. Jesus demonstriert ein Heilen mit dem Geruch mit einem jungen Esel. Junge Tiere tragen noch das ganze ursprüngliche Wesen in sich. Man kann es förmlich "riechen".  


Das besondere Symptom

Auf dem Hintergrund von Hildegards Tradition ist das Bild ungewöhnlich - eigentlich Unsinn. Sie stellt sich in aller Öffentlichkeit dar. Dabei ist sie in einer Tradition aufgewachsen, in der ein Geistlicher sich demütig zurückhält, zumal als Frau. Warum tritt sie aus ihrer Anonymität heraus und macht sich zu einer öffentlichen Person?

 

Es ist nötig - sagt sie und erinnert an die Weise, wie die alte Kirche mit Häresie (und dazu gehört für Hildegard auch das neue Weltbild) umgegangen ist: sie führen sich die Situation von Jesu Leiden und Tod vor Augen. Das wahre Gesetz der Heilkunde zeigt der Esel. Mit ihm beginnt der Kreuzweg Jesu in Jerusalem und mit ihm der Heilsweg im engeren Sinn.  


Die zentrale Geschichte des "Christus medicus"

In LDO knüpft Hildegard nun ganz unmittelbar an die Evangelien an. Die Elemente des Bildes werden verknüpft mit der Geschichte von Jesu Einzug in Jerusalem. 

 Hildegard schreibt in LDO nur einen Satz:

Wie Jugend, von der äußeren Natur betrogen, sich ergötzt, so wandelte auch damals die Welt in eitlem Wahn. Daher war es notwendig geworden, dass Gott sich ihnen zeigte, dass Er sie an sich zog - wie Er auch befahl, dass man Esel und Füllen loslöse und Ihm zuführe, damals, als Er sich mit dem Gesetz der Wahrheit über sie stellte.

(Lat: et ideo necessarium fuit ut Deus illis seipsum ostenderet et eos ad se colligeret, sicut etiam asinam et pullum eius absolui et sibi adduci iussit, ubi seipsum cum lege ueritatis super eos posui (LDO IV, 105).

Liest man die Geschichte in Lukas 19 nach, so erkennt man alle wichtigen Symbole dieses Bildes. 

Das Innere Erleben bildet das Zentrum allen Erlebens und aller Aspekt des Seins (Sankaran, Reptilien S. 2).


Lukas 19

Und als er das gesagt hatte, ging er voran und zog hinauf nach Jerusalem. Und es begab sich, als er von Betfage und Betanien aus an den Berg kam, der Ölberg heißt, da sandte er zwei Jünger und sprach. Geht hin in das Dorf, das vor uns liegt. Und wenn ihr hineinkommt, werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat; bindet es los und bringst her. Und wenn euch jemand fragt: Warum bindet ihr es los? dann sagt: Der Herr bedarf seiner. Und die er gesandt hatten, gingen hin und fanden`s, wie er ihnen gesagt hatte. Als sie aber das Füllen losbanden, sprachen seine Herren zu ihnen. Warum bindet ihr das Füllen los? Sie aber sprachen: der Herr bedarf seiner. Und sie brachten´s zu Jesus und warfen ihre Kleider auf das Füllen und setzten Jesus darauf. Als er nun hinzog, breiteten sie ihre Kleider auf den Weg. Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen.

Gelobt sei, der da kommt,

der König in dem Namen des Herrn!

Friede sei im Himmel 

und Ehre in der Höhe!

 

Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.


Das Heilmittelbild des Esels

 Ein junger Esel trägt den ursprünglichen Geruch und wirkt wie eine homöopathische Arznei, nur dass sie nicht eingenommen, sondern gerochen wird. Der Esel hilft dem Menschen nicht nur, schwere Lasten zu tragen, sondern auch konkret gesund zu werden. Er wird hier zum Leitbild der Medizin.  

 

Christus zeigt in Jericho, dass er es als seine Aufgabe sieht, Kranke und Verlorene zu heilen (Vers 10). Er spürt, dass seine Zuhörer ihm nicht folgen können. Sie meinen, das Reich Gottes werde jetzt und hier sogleich offenbar werden (Vers 11). 

Sie liebten die Eitelkeit der Welt, sie glaubten zu wissen, was sie nicht wussten, und zu sein, was sie nicht waren. Auf IHN aber, der ihnen Fleisch und Geist gegeben, nahmen sie keine Rücksicht und glaubten nicht. Wie Jugend, von er äußeren Natur betrogen, sich ergötzt, so wandelte auch damals die Welt in eitlem Wahn. (LDO IV, 360ff) 

Christus erzählt nun die Geschichte von den anvertrauten Pfunden, um den Jüngern ihre Verantwortung vor Augen zu führen. Er bleibt nicht mehr zurückhaltend demütig, verlässt die Ebene des Gleichnisses und wird gegen seine sonstige Gewohnheit emotional. 

V. 27 Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde, bringt her und macht sie vor mir nieder. 

 

Er spürt, dass eine Energie in ihm schwingt, die der natürlichen Welt angehört. Er weiß, dass er König ist, und er möchte seine Macht demonstrieren. In der schweren Situation im Angesicht des Todes ist Er mit seiner geistigen Kompensation und seiner Willenskraft an eine Grenze gekommen. Er braucht ein Heilmittel für sich selbst, das ihm hilft, den Weg zum Tod in ganzer Kraft zu gehen. Er diagnostiziert sich selbst als jemanden, der einen Esel braucht, und zwar ein  junges Tier, das noch den vollständigen Geruch eines Esels verströmt und nicht geprägt ist von seinem Besitzer. Wir wissen in der Naturheilkunde, dass Medizin über die Nase im Geruchsempfinden aufgenommen werden kann. 

 

Das Wesen des Esels: "Sehr treue, kindliche Personen, die sich von anderen benutzt, beschimpft und ausgebeutet fühlen und manchmal auch wirklich der Prügelknabe sind." (K.J. Müller).

So sehr wurde Gott Mensch, dass er einem Esel ähnlich wurde und der ihm helfen konnte. 

 

Die Wahrheit an der Demonstration erkannten die Jünger: nicht Christus, sondern die Menschen brauchen den Esel als Heilmittel. Sie tragen schwer an der Last ihrer Sünde. Hier wird Christus zum Bild des Retters und Heilands. Er gibt sich hin für andere - fokussiert für mich. So gibt er die Struktur der Medizin vor: Dienst am Nächsten (officium caritatis).

 

Der "Heilandsruf" Christi

Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.

So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 

 

Esel - ein Symbol des Widerstands

Der geistige Umbruch erfolgte nicht ohne Konflikte, besonders im deutschsprachigen Raum. Hugo von Deutz, ein Zeitgenosse Hildegards, ritt auf einem Esel zu einem wichtigen Streitgespräch. 

 

"In Deutschland blieben die Klöster, vor allem die der Benediktiner...noch lange die beherrschenden Zentren der Gelehrsamkeit, während in Italien, Frankreich, England die in den Städten langsam die Leitung übernahmen. Es ist im Licht dieser Entwicklung dann auch nicht erstaunlich, dass die früheste Universität im deutschen Sprachraum erst 1348 in Prag durch den luxemburgischen Herrscher Karl IV. entstand." (Embach) 


Die "meditative Reise"

Unsere Aufgabe ist es nun, die einzelnen Ebenen zu "durchqueren, um zu verstehen, wie dieser Aspekt erlebt wird". Es kommt darauf an, immer tiefer in das Erleben vorzudringen (Sankaran, Reptilien S. 2). 

 

Die Ebene des Geruchs ist für Hildegard die Ebene des Anfangs der Heilung. Es genügt nicht, nur einmal ein Störfeld zu beseitigen, man muss es ständig Erleben, sich ständig reinigen, wie Hildegard es ausdrückt. Die Klöster räucherten darum in ihren Gottesdiensten Myrrhe und Weihrauch. Myrrhe - der unharmonisch strukturlos wachsende Dornenstrauch - ist hier das Heilmittel, das im Verborgenen mitschwingt. Es durchzieht mit seinem Duft alle Bilder und bringt sie in Einheit und Harmonie zueinander. 

Die Wärme der Sonne in dir strömte aus wie duftender Balsam. (HvB, Symphonia 8)