Die Gärten der Benediktiner

 

Hahnemann stellt sein Konzept von Homöopathie in den Kontext von Krankheitsmustern. Aber die Natur orientiert sich nicht an Krankheit. Für Hildegard liegen die Wurzeln der Homöopathie im Gartenbau. Sie entwickelt ihre Heilkunst im Dialog mit der lebendigen Natur, die ihr Leben umgibt. 

In seinem Innern konzentriere sich der Mensch auf alles, was ihn gesund machen kann, und er bedenken alle Lebensbelange so vorsorgliche, wie sich auch die Früchte im 7. Monat auf ihren reifen Kern zusammenziehen (LDO IV 89).  

Die Mönche des Benediktinerordens legten den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Medizin. In dem Zusammenhang entwickelten sie eine hohe Gartenkultur. Die meisten Menschen bezogen Nahrung und Medizin aus ihrem eigenen Garten, und auch die Klöster produzierten selbst. Das von Hildegard gegründete Kloster Ruppertsberg war umgeben von Gartenanlagen, und noch heute wird auf dem Klosterberg Wein angebaut.

Die Wertschätzung der Gartenarbeit hängt eng zusammen mit ihrer Auffassung des Christentums. Im AT wird Gott ein Gärtner genannt, im NT nennt Christus seinen Vater einen Weingärtner, sich selbst vergleicht er mit einem Weinstock, und an Ostern wird er von den Frauen am Grab intuitiv als Gärtner erkannt. Hier zeigt sich ein anderes Verständnis von Medizin als in der Hippokratischen Heilkunde. Äskulap war dafür bekannt, dass er Schlangen züchtete. Sein „Vater“ war der Lichtgott Apoll. 

 

Durch Völkerwanderungen und Kriege herrschte eine Mangelsituation. Das Land war in großen Teilen verwüstet und die Bevölkerung notleidend und verarmt. Die Klöster sahen sich hier in ihrer Verantwortung. Die adeligen oft intellektuellen Mönche waren von zu Hause aus an keine Gartenarbeit gewöhnt. Trotzdem kultivierten sie das Land aus Liebe zu Christus. und den Armen. So konnte der Lebensstandard über einen langen Zeitraum allmählich verbessert werden.


Weltweit gesehen hat man heute durchaus eine vergleichbare Situation.  Arbeit im Garten bedeutet Möglichkeit der Entwicklung von Ressourcen, die sonst  brach liegen würden. Naturgemäßes Leben ist nicht a priori gesünderes Leben. Garten bedeutet  Arbeit, Ordnung, Struktur, Entwicklung.


Diskussionspapier von Anamed: nicht so
Diskussionspapier von Anamed: nicht so
sondern so
sondern so


Die Heilpflanzen der Klosterheilkunde sind keine Wildkräuter, sondern haben Jahrtausende alte Kultur. Wir wissen heute, dass es ähnliche Heilpflanzen in Europa, China und Indien gibt. Sie fanden von den großen Hochkulturen schon im vierten Jahrhundert einen Weg über die Seidenstraße zu den Mönchen der ägyptischen Wüste. Auf dem Höhepunkt der Mönchsbewegung kann man in China einen starken Anstieg von Arzneipflanzen und ihrer Katalogisierung beobachten (C. Focks, Leitfaden der TCM 1.2). Auf der anderen  Seite findet man in der Mönchtradition auch neues Gedankengut, das wahrscheinlich der asiatischen Medizin entnommen wurde. 

Hildegards Kloster lag verkehrstechnisch günstig direkt am Rhein. So ist es durchaus wahrscheinlich, dass Waren und Heilpflanzen ausgetauscht wurden. 

 

Durch sorgsame Arbeit und Pflege ist ein hoher Standard von Naturmedizin gewonnen. Die Innenhöfe der Klöster waren besonders geschützt angelegt und erlaubten den Anbau wärme liebender Pflanzen, z.B. „biblischer“ Pflanzen, die man nicht im kalten Deutschland vermutet hätte. Daneben beobachtet man eine Anpassung an die Region. 


Die enge Verflechtung von Klosterleben und Gartenbau machte es möglich, dass die Mönche sich mit lebenden Heilpflanzen sehr gut auskannten und ein feines Gespür für sie entwickelten. Benedict war so feinfühlig, dass er in Gedanken und der energetischen Kraft seiner Finger die Wirkung von Heilpflanzen auf einen Patienten spüren konnte. 

 

Auch die  ärztliche Tätigkeit wurde direkt mit einem Gärtner verglichen, und in Miniatur sieht man die sieben Gärtner, die Gartenarbeit „jung“ macht und deren „Handarbeit“ ein Bild für verschiedene Methoden der Pulstastung ist. 


Die Mitte des Gartens

Im Zentrum der Klostergärten stand die Kirche mit dem Symbol des Kreuzes auf dem Altar. Sie war verbunden mit einem Krankenhaus, so dass es den Patienten möglich war, am Gottesdienst teilzunehmen. Nach außen folgten die anderen Gebäude, Garten und Felder. 

Die enge räumliche Nähe von Gottesdienst, Hospital und Garten ist ein Abbild der inneren Nähe. Die alten Heilkunden kannten keine grundsätzliche Trennung von Spiritualität und Medizin auf der einen und von Nahrung und Medizin auf der anderen Seite. „Alles ist zutiefst miteinander verbunden“ (HvB). 

 

Das Abendmahl

Die Mitte des Gottesdienstes ist das Abendmahl. Man erkennt die drei großen spirituellen Heilpflanzen des christlichen Gottesdienstes der alten Kirche. Sie wurden noch in den Klostergärten angebaut. Sie sind an sich nicht sehr interessant in der Naturheilkunde, sondern dienen  lediglich als Arzneimittelträger. 

 

Direkt dargestellt ist der Weizen, aus dem das Brot gebacken wird und der Ölbaum, aus dem das Öl für die Ölung im Gottesdienst gewonnen wird. Aus Physica weiß man, dass die Benediktiner Öl zwar nicht für die Ernährung, aber für Heilzwecke selbst anbaute. Indirekt dargestellt ist der Wein in seiner Person, dem ersten Winzer der Bibel - Noah. Er ist hier „vermenschlicht“, d.h. er kann von seiner „höheren“ Ebene aus für jeden lebendigen Part der Natur, wozu bei Hildegard auch die nicht - belebte Natur gehört, als Arzneimittelträger dienen. 

 

Die drei großen Arzneiträger sind materiell verschieden, aber sie haben eine gemeinsame Disposition.

Eine Disposition ist das, was auf für jeden Menschen einzigartige Weise bestimmt, wie er auf Ereignisse reagiert. Dazu gehören dauerhafte Eigenschaften, positive und negative, die unsere Haltungen und Handlungen bestimmen (Louis KLein, Miasmen und Nosoden  S.12

Die drei großen Heilmittel machen eine gemeinsame Erfahrung des Leidens, um heilsam zu werden. Weizen wird gemahlen, Oliven und Weintrauben gepresst. Sie tun das gern, weil sie den Menschen lieben, sonst wären sie nicht so heilsam. Hierin sind sie Christus ähnlich, der freiwillig für die Menschen gelitten hat. So liegen sie ihm - bildlich gesprochen - direkt an wie sein Gewand, in dem er sein Wesen verborgen hält. 

 

„Die Grundlage aller pflanzlichen Heilmittel ist die Sensibilität“. In der Klosterheilkunde ist es die Sensibilität nicht für sich, sondern für den kranken Nächsten. Sie muss erst durch Kultur erworben werden.

 

Die Tradition der Frau mit dem Blutfluss

 

Die Medizin der Mönche wirkt nach außen wie eine einfache Volksheilkunde. Man erkennt nicht das System, das im Verborgenen dahinter liegt: Der Patient berührt das „Gewand Christi“ in Öl, Brot und Wein. Alle drei kann man ohne Aufwand individualisieren und als Medizin geben (in der Sprache Hildegards „weibliches Tun“. 

 

Ein großes Anwendungsgebiet für Naturheilkunde wird offenbar. Hier wird der Arzt zum Pharmazeut: 

 

Wein als Grundlage der Homöopathie

Brot als Grundlage aller Heilmittel, die durch Erhitzen und Kochen gewonnen werden (heute Schwerpunkt der TCM)

Öl als Grundlage der Salböle (heute Schwerpunkt in Ayurveda)

 

Der Patient antwortet im Gottesdienst mit der Hingabe seines ganzen Lebens. Nur so werden die großen Heilmittel nicht "vergeudet" (HvB). 

 

Ist diese Tatsache historisch denkbar? Die Forschungssituation sieht hier sehr viel besser aus als in der Hippokratischen Heilkunde, deren Materia medica verloren gegangen (oder m.E. in der christlichen Heilkunde integriert) ist. In Physica kann man viele alte Rezepte erkennen und eine Parallele zu einem Gebrauch in der Homöopathie, der TCM und Ayurveda herstellen. 


Ein mütterliches Bild von Gott

 

Die Gottheit ist mir zur Mutter geworden,

als sie mich bildete, mich erweckte

und mir das Leben schenkte.

Voll Gnade ist die Nahrung der Kirche,

denn du, das lebendige Brot

und Quell des lebendigen Wassers,

gewährst ihr Fülle im Überfluss

im Sakrament deines Leibes und Blutes.

Um meines Heiles willen

bist du ein Mensch geworden. (HvB, Scivias)

 

Der Gürtel des Lobes

Die Gärten der Benediktiner sind eingehüllt in das Lob von Natur und Kosmos. 

 

Die Himmel hallen wider von Meinem Lob. 

Denn sie hängen an meinem Blick und gehorchen Mir nach der Ordnung,  die Ich ihnen gesetzt. 

Sonne, Mond und Sterne halten ihre Zeiten ein. Wind und Regen laufen durch die Lüfte, wie es ihnen bestimmt ist….

 

Der Mensch stimmt in das Lob mit ein in den regelmäßigen Tageszeitengebeten. Sie werden dargestellt als ein Kreisen - ein unaufhörliches Lob Gottes. In diesem Kreis erscheint die Zahl I - unus Deus - Rota. Früher sprach man von einem scheibenförmigen Weltbild des Mittelalters, aber bei Hildegard ist es ein Kreisen ohne Anfang und Ende. Es bildet einen Gürtel, der alles umfasst und zusammenhält.

Die Homöopathie der Klöster sieht sich nicht als „Homöopathie first“, versteht sich nicht aus einer Abgrenzung, sondern Homöopathie befähigt sie zur Kommunikation und Aufnahme anderer Medizin in ihr System.  


O Schutzraum des Lebens 

und Hoffnung der Glieder auf Einheit

und o Gürtel der Ehrbarkeit, heile die Seligen.

Schütze die, die vom Feind gefangen sind,

und befreie, die gefesselt sind,

die göttliche Kraft will sie heilen.

Stärkster aller Wege, der alles durchdringt,

in den höchsten Höhen, auf der Erde und in allen Tiefen.

 

Du vereinigst alles.

Durch dich ergießen sich die Wolken, fliegt die Luft,

haben die Steine Feuchtigkeit, bildet das Wasser Bäche

und bringt die Erde lebendiges Grün hervor.

HvB, Symphonia Lied 19