Das Buch der Lebensverdienste (LVM) von Hildegard von Bingen beginnt mit einer Erzählung über eine Frau und einen Baum. 

 

Armor saeculi – amor coelestis.  Die Liebe zur Welt – die Liebe zum Himmel.

 

Die erste Gestalt sah aus wie ein Mensch, war aber schwarz wie ein Mohr. Ganz nackt stand sie da. Mit ihren Armen und Beinen hielt sie einen Baum unterhalb seines Astwerks umklammert, aus dem die schönsten Blüten hervor sprossten. Mit ihren Händen griff sie nun hinein in die Blüten, riss sie zu sich (ad se)herunter und sprach:

 

„Alle Reiche der Welt, ich halte sie fest mit ihrer ganzen Blütenpracht! Wieso sollte ich hinwelken, wo ich doch vor gründender Lebenskraft strotze? Sollte ich mich hinschleppen wie ein Greis, da ich doch in der Jugendfrische blühe? Soll ich das schöne Licht der Augen in Blindheit halten? Schamrot müsste ich werden, wenn ich mich so verhalten würde! Solang ich noch dieser Welt Schönheit genießen kann, will ich sie mit Wonne umfangen. Ein anderes Leben kenne ich nicht, und nichts besagen mir die Fabeleien, die ich davon höre.

 

Kaum hatte die Gestalt geendet, da verdorrte der Baum bis auf die Wurzeln. Er stürzte in die oben erwähnte Finsternis und riss die ganze Erscheinung mit sich in die Tiefe.

 

Die himmlische Liebe antwortet:

 

Da hörte ich aus der Sturmwolke eine Stimme erschallen, die dieser Gestalt folgende Antwort gab:

Du bist wohl ganz verrückt, wenn du glaubst, in einem Funken der Asche schon das volle Leben besitzen zu können! Du jedenfalls suchst nicht das wahre Leben, das in seiner Jugendschöne nimmermehr welkt, und das sich selbst in der Reife des Alters nicht erschöpft. Dir fehlt aber auch jedes Licht! In die finstere Nacht stolperst du, und in das Verlangen der Menschen wühlst du dich ein wie ein Wurm. Von Augenblick zu Augenblick lebst du dahin, um dann wie Heu zu verdorren. Uns so stürzest du in den See des Verderbens. Dort wirst du enden mit alledem, was du ins Herz schließen möchtest und was du Blüten nennst, da du doch aufrecht stehst.

 

Ich aber bin eine Säule der himmlischen Harmonie, und alle Freude des Lebens liegt mir im Sinn. Das wahre Leben verschmähe ich keineswegs. Aber alles, was schadet, das zermalme ich, so wie ich auch für dich nichts als Verachtung übrig habe. Ich bin allen Tugenden ein Spiegel, in dem jeder Gläubige sich sorgfältig betrachtet. Du aber rennst dahin auf Pfaden der Nacht, und deine Hände bewirken nur Ohnmacht.

 

lateinischer Text: Prima imago formam hominis et nigredinem Ethiopis habebat, et nuda stans, brachiis ac cruribus suis arborem sub ramis eius circumdederat, in qua omnia genera omnium florum excreuerant. Et manibus suis flores illos ad se collegit, et dixit: Omnia regna mundi cum foloribus et ornamentis suis teneo. Et …..Que cum dixisset, predicta arbour radicitus aruit, et in predictas tenebras corruit; ac eadem imago cum illa cecidit.

LVM I, 14 - 15 .  Die dritte Gestalt: Vergnügungssucht – Schamhaftigkeit

 

Die dritte Erscheinung glich einem Menschen, der eine völlig verunstaltete Nase hatte. Seine Hände sahen aus wie Bärentatzen, und die Füße erschienen wie Greifenklauen. Er hatte schwarzes Haar und trug ein mattfarbenes Gewand. Und die Gestalt sprach:

 

Die Vergnügungssucht spricht: 

 

„Wieviel besser ist es doch, sich zu verlustieren statt Trübsal zu blasen! Spiel und Spaß ist doch wohl kein Unrecht! ….

Gott schuf ja die Luft, die mir so süßen Klang zuträgt. Frische Blumen lässt sie mir sprießen, eine Augenweide für mein fröhliches Herz. Warum sollte ich mich nicht an ihnen ergötzen? Mensch und Tier und Tier und Mensch treiben lustig ihr Spiel miteinander! So ist es recht, so soll es sein!!

 

Die Schamhaftigkeit gibt Antwort:

 

Und abermals hörte ich aus der Sturmwolke eine Stimme dieser Gestalt antworten: Du dienst einem Götzen, wenn du immer nur deinen Lüsten nachlebst. Ein toter Schall wirst du schließlich sein, gemacht von Menschenhand. Dein Wollen gibt sich teils menschlich, teils viehisch, da du dich bald nach Menschenart, bald wie ein Tier benimmst. Insgesamt aber gleicht dein Verhalten mehr der toten Kreatur als einem Lebewesen, da du nur das erhaschst, wonach dir der Sinn steht. Auf der Bahn wahnhafter Widersprüchlichkeit schreitest du einher.

Ich aber werde bei alledem rot vor Scham und suche Schutz unter den Flügeln der Cherubim. Mir werden in den Vorschriften der Schrift die Geheimnisse Gottes kund. Und so bin ich in himmlischen Dingen lauter Leben. Ich schaue mit den Augen der Unschuld, und allüberall bekomme ich in ehrbarer Haltung nach Gottes Willen das zu sehen, was du in blinder Unwissenheit fliehst". 

 

 

 

Das Bild der Herzenshärte  

Ein Mensch ohne Barmherzigkeit strahlt weder Licht aus noch ist er im Innern lebendig. Sein Heilmittel ist die innere Haltung der Misericordias – Mitleiden, Güte – Barmherzigkeit.

„Die vierte Erscheinung ballte sich wie ein dichter Rauch zu einer menschlichen Gestalt zusammen. Menschliche Glieder besaß sie jedoch nicht, nur große schwarze Augen glotzten aus ihr heraus. Sie ging nicht vorwärts, nicht rückwärts, bewegte sich weder nach rechts noch nach links, verharrte vielmehr völlig unbeweglich in der erwähnten Finsternis. Und sprach…

Die Herzenshärte spricht: Ich habe nichts hervorgebracht und auch niemanden ins Dasein gesetzt. Warum sollte ich mich um etwas bemühen oder gar kümmern. So was werde ich schön bleiben lassen. Ich will mich für niemanden stärker einsetzen, als auch er mir nützlich sein kann. Gott, der alles geschaffen, der soll auch schön dafür geradestehen und für Sein All Sorge tragen…“

Die Barmherzigkeit antwortet:  O du versteinertes Wesen, was behauptest du denn da? Die Kräuter bieten einander den Duft ihrer Blüten; ein Stein strahlt seinen Glanz auf die anderen und jedwede Kreatur hat einen Urtrieb nach liebender Umarmung. Auch steht die ganze Natur dem Menschen zu Diensten, und in diesem Liebesdienst legt sie ihm freudig ihre Güter ans Herz. Du aber bist nicht wert, auch nur die Gestalt eines Menschen zu haben. Nur ein grausamer Blick geht unbarmherzig von dir aus. Ein bitterböser Rauch bist du in der Bosheit Schwärze.

Ich aber, ich bin in Luft und Tau und in aller gründenden Frische ein überaus liebliches Heilkraut. Übervoll ist mein Herz, jedwedem Hilfe zu schenken. Ich war schon zugegen, als das „Es werde“ erscholl, aus dem alle Welt hervorging, die nun dem Menschen zur Verfügung steht. Dir aber ist jenes Wesen verschlossen. Mit liebenden Augen berücksichtige ich alle Lebensnöte und fühle mich allem verbunden. Den Gebrochenen helfe ich auf und führe sie zur Gesundung. Eine Salbe bin ich für jeden Schmerz, und meine Rede ist Rechtens, während du ein so bitterer Rauch bleibst.“

Vision 2 - Hund

 

„Die zweite Gestalt sah aus wie ein Hund, der zu streunen pflegt. Er stand auf seinen Hinterpfoten und hatte die Pranken an einen aufrecht stehenden Stock gelegt, während sein Schwanz spielerisch hin- und her wedelte.“

 

Es ist ein domestiziertes Tier. Wir sehen den Konflikt zwischen Sollen und Sein.

„Das Mittel trägt das Wesen des Hundes in sich, also eines Tieres, das gänzlich unter der Herrschaft des Menschen steht, so dass seine grundlegende Tiernatur unterdrückt bleibt und ausschließlich die kontrollierte, zivilisierte Seite ausgelebt werden darf. …Das Hauptthema ..ist das Thema der Herrschaft, die Frage, wer die Oberhand hat. Lac canium Menschen können sehr reizbar und wild werden, wenn aber jemand noch gereizter und wilder ist, geben sie auf und unterwerfen sich.“[1]

[1] Sankaran, Seele der Heilmittel S. 119