Die Frau am Jakobsbrunnen

Das Kloster - ein Haus Gottes, über dem die Engel erscheinen. - 

 

Engel sind für Hildegard Gottes erste Schöpfung, d.h. sie geben der Geschichte und Kosmos einschließlich der Natur eine Struktur und Ordnung. Es gibt Menschen und Tiere, die Engel gesehen haben. Zu ihnen gehört Jakob. Er hat sich allerdings keineswegs wie ein Engel benommen, sondern seinen Bruder um das Erbe und den Segen betrogen. Er muss fliehen. 

 1. Mose 28, 10ff

Jakob zog aus von Beersheba und machte sich auf den Weg nach Heran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häuften und legte sich an der Stätte schlafen.

Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze bis an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abrahams und Isaacs Gott. Das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben....und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wußte es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels. 

Der gemeinsame Name

Im neuen Testament Joh 4 wird an diese Geschichte angeknüpft. Christus und die Frau haben äußerlich gesehen nichts miteinander zu tun. Der gemeinsame Name Jakobs verbindet die Frau mit Christus. 

Die Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4)

HvB  Codex Lucca Vision 3
HvB Codex Lucca Vision 3

Eine zweite Frau zeigt Christus unter einem ganz anderen Aspekt, dem gemeinsamen Namen. Er wird hier von einer anderen Persönlichkeit in einer anderen Situation wahrgenommen. Auch die Medizin wird anders dargestellt. 

Wir erinnern uns: Unsere Lehrerin unter Vision 1  hat ein Auge offen, eins geschlossen. Hier hat Hildegard keinen direkten Blickkontakt mit Christus. Er ist ihr durch eine Mauer versperrt.

Sie ist auch nicht unter dem Bild, hat nicht den nötigen Abstand, um zu sehen, sondern quasi in das Bild hineingegangen. Sie nimmt ihn im Hören und Tasten indirekt wahr. 

Das Thema des Bildes: das lebendig machende Wasser, das die Organe miteinander verbindet. 

Wasser ist dem Heiligen Geist am meisten verwandt (HvB LDO) 

 Hildegard: Unser Herz und  Magen haben die gleiche  asketische Haltung wie die Mönche. Sie wollen nichts für sich behalten (Besitzlosigkeit), sondern geben alles sofort wieder ab. 


 Text Joh 4

Der Evangelist Johannes stellt in seiner Komposition des Evangeliums die Geschichte in den Kontext der Auseinandersetzung mit der Medizin zur Zeit Christi. Johannes, Vertreter der jüdischen Religion tauft am Jordan, Samaria stand unter dem Einfluss der heidnischen Hippokratischen Heilkunde. Die Jünger haben kein Verständnis für Christus. Sie können nicht nachvollziehen, dass Christus diese nach heidnischen Maßstäben lebende Frau so wertschätzt, dass er sich ihr offenbart als "Leben schaffendes Wasser".

Man hat den Eindruck, hier wiederholt sich die Vätergeschichte des Jakob. 

 

Wirkungsgeschichte

Ravenna, Basilika S. Apollinare Nuovo. 6. Jhd.
Ravenna, Basilika S. Apollinare Nuovo. 6. Jhd.

Auch diese Frau ist dargestellt in Ravenna. Sie befindet sich zur Linken Christi. Christus hebt seine Hand in einer Bewegung, die wir heute in der Komplementärmedizin machen, wenn wir tasten.

Die Frau ist von ihm getrennt durch einen Stab. Das Wasser, das er sich erbeten hat, kann sie mit Christus verbinden.Aber sie reicht es ihm (noch) nicht. Ich denke, Hildegard bezieht sich auch auf diese Stelle, wenn sie schreibt: 

 Auf Ihn nahmen sie keine Rücksicht (HvB, LDO)

mehr lesen über die Frau am Jakobsbrunnen in Vision 4



Die tiefe Dimension der Liebe

Auch wenn scheinbar Vision 1 von unten nach oben gelesen wird, so ist er in Wirklichkeit ein Weg der Demut. Hildegard, die große Heilige, sieht sich geprägt von jemand, der scheinbar so ganz anders lebte als sie. Ihre Gemeinsamkeit liegt verborgen in der Tiefe des Herzens, in dem sie sich als Sünder erkennt. Es ist die Caritas des Heiligen Geistes, die die  Leere (Vacuitas) des Herzens verwandelt in eine schöpferische Leere, in der der Heiligen Geist wirken kann. 

O Gott, Allerhöchster,

zu Deinem Lob

weihe ich meine Gelübde Dir,

denn ich vermag ja nichts ohne dich,

verwiesen auf meine eigene Kraft.

 

Nur die Gnade des Heiligen Geistes

kann mich dazu befähigen,

die du in mir entfachst. LDO I,4


Jeder Mensch, der Gott fürchtet und liebt,

öffne daher voller Hingabe diesen Worten sein Herz

und wisse, dass sie zum Heil des Leibes und der Seele

nicht aus Menschenmund verkündet sind,

sondern durch mich, der ICH BIN. (HvB, LDO)