Autorenbild

 

Der gute Geruch - die gute Atmosphäre 

 

Einen Lehrer finden

Alte Heilkunden lernt man nicht aus Büchern, sondern von einem Lehrer. Unter Miniatur 1 stellt sich Hildegard von Bingen  selbstbewusst dar als Autorin des Werkes LDO (Liber Divionorum operum) und somit als Lehrerin. 

Wir haben in einem ersten Kapitel gefragt, wie diese Klostertradition ausgesehen hat, und haben in dem Zusammenhang  wichtige  "Väter" der Mönchsgeschichte vorgestellt. Hier gehen wir nun in diese Tradition hinein. 

 

Wer ist Hildegard von Bingen, die Lehrerin der Heilkunde? Wenn Du denkst, es ist die Frau in der Mitte, dann hast Du recht. Aber Du urteilst nach dem Äußeren. So kommst Du allerdings nicht zu der medizinischen Ebene der Caritas. Du hast es hier mit einer Medizin innerhalb der Mönchtradition zu tun. Du musst den Weg der Demut gehen. Nicht die bekannte Seherin in der Mitte, sondern die anonyme Nonne rechts ist die Lehrerin der Medizin.

 

  • Wahrnehmen lernen

Die Lehrerin hält ein Auge zu und eins offen, d.h. sie leitet uns zu der Wahrnehmung nach den fünf Sinnen, d.h. zum Raster der Naturmedizin. 

Hildegard ordnet ihr Erleben nach der Wahrnehmung nach den fünf Sinnen. Jedes Bild wird mit einem anderen Sinn wahrgenommen. Es ist sehr wichtig, sich immer klar zu sein, auf welcher Ebene der Sinneswahrnehmung man sich befindet. Wenn du nicht die Technik der Sinneswahrnehmung mit allen fünf Sinnen in der Komplementärmedizin beherrschst, bekommst du keinen Zugang zu den Bildern. 

  • Nicht mit den äußeren Sinnen wahrnehmen

Es darauf an, wie Hildegard diesen Aspekt erlebt.  Nicht das Objektive des Falls, sondern das subjektive Erleben wird wichtig. Nicht das äußere, sondern das Innere ist wichtig. Du musst lernen, blind zu werden für den äußeren Schein. Du musst von dir selbst und deiner eigenen inneren Wahrnehmung ausgehen. 

 

Vergleichende Vorstellungen der Hippokratischen Medizin: Hippokrates wird als blind beschrieben. Neue Forschungen zeigen: er konnte sehen, aber er war blind für den äußeren Schein.

 

Hildegard beschreibt es mit ihren Worten: Ich schaute (meine Visionen) mit dem inneren Auge meines Geistes und ich vernahm es mit inneren Ohren. Allerdings war ich niemals dabei in einem schlafähnlichen Zustand und nie in einer geistigen Entrücktheit. (LDO Einleitung).

 

Der gute Geruch

Im Autorenbild unter Miniatur 1 führt Hildegard den Betrachter ein in die Atmosphäre der Klosterschreibstube, in der ihr Werk LDO entstanden ist. Es ist eine gute harmonische Atmosphäre, die produktive sinnvolle Arbeit ermöglicht. Was wir hier im Makrokosmos beobachten, wird zum Bild für den unsichtbaren Mikrokosmos in uns.  Gesundheit ist abhängig von einer guten Arbeitsatmosphäre im Körper. Sie wird konkret im guten angenehmen körperlichen "Geruch" und der seelischen Ausstrahlung. Abweichungen davon sind ein Symptom für Krankheit. 

Verknüpfungen herstellen

Hildegard ist nicht nur eine Lehrerin, die uns belehrt. Sie unterrichtet Medizin an sich selbst und nimmt uns damit auf eine Art meditativer Reise. Wir müssen immer tiefer in ihr Erleben vordringen. 

 

Das Innere Erleben bildet das Zentrum allen Erlebens und aller Aspekt des Seins...Unsere Aufgabe ist es nun, die einzelnen Ebenen zu "durchqueren, um zu verstehen, wie dieser Aspekt erlebt wird".  (Sankaran, Reptilien S. 2). 

 

Dabei helfen uns die Tiere. Sie sind die äußerst vielseitigen Werkzeuge der göttlichen Caritas: sie geben uns  Nahrung und Medizin, tragen  schwere Lasten und wärmen uns mit ihrem Fell. Sie helfen auch, schwierige Gedankengänge zu verstehen, die nicht in das Raster naturwissenschaftlichen Denkens fallen. Hildegard nimmt alle Tiere aus der Bibel. Sie leiten zu einer "Christologie von unten". Wir entdecken eine ganz ungewöhnliche Art zu denken, nicht von Theorie, sondern lebendigem Leben her. 

 

Das besondere Symptom

  • Der Fisch

Betrachtet man die Tiere des Bildes, so fehlt der Fisch. Das Wesen des Fisches: alles gehört zusammen, ist untrennbar miteinander verbunden.

  • Ein Netz knüpfen

Wollen wir den Fisch fangen, müssen wir vorher ein Netz knüpfen. Wir müssen in der Lage sein, biblische Geschichten zu verknüpfen.


Der Esel

Wenn Du nun das Bild von rechts nach links liest, kommst Du zum besonderen Symptom des Bildes. Von hier aus kannst Du in die medizinische Ebene einsteigen. 

Auf dem Hintergrund von Hildegards Tradition ist das Bild ungewöhnlich. Hildegard ist in einer Tradition aufgewachsen, in der ein Geistlicher sich demütig zurückhält. Warum tritt sie aus ihrer Anonymität heraus und macht sich zu einer öffentlichen Person?

 

Es ist nötig - sagt sie - und zeigt darin eine große innere Freiheit. Situationen können sich ändern. Gesetze dürfen nicht äußerlich verstanden werden. Wir haben im historischen Kapitel  gezeigt, dass Hildegard nicht dem Mainstream ihrer Zeit angehört. Sie gehört zu der Widerstandsbewegung. Ihr Symbol ist der Esel, mit dem z.B. Hugo von Deutz, ein Zeitgenosse Hildegards, zu einem wichtigen Streitgespräch stritt. Er erinnert an die Weise, wie die alte Kirche mit Häresie (und dazu gehört für Hildegard auch das neue Weltbild) umgegangen ist: sie führen sich die Situation von Jesu Leiden und Tod vor Augen.

 

Der Kreuzweg nach Jerusalem und der Heilsweg im engeren Sinn beginnt mit dem Einzug Jesu nach Jerusalem. Hildegard verknüpft diese Geschichte mit Medizin: Das wahre Gesetz der Heilkunde zeigt der EselLiest man die Geschichte in Lukas 19 nach, so erkennt man alle Ebenen dieses Bildes. 

 

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Im Zentrum des Bildes steht eine Erfahrung des Christus Medicus. Dabei muss man wissen, dass ein Heilen durch Geruch sich nicht nur auf präparierte Heilmittel bezieht. Jesus demonstriert sein Heilen mit dem Geruch mit einem jungen Esel. Junge Tiere tragen noch das ganze ursprüngliche Wesen in sich. Man kann es förmlich "riechen".  Er demonstriert es an sich selbst. 

Das wahre Gesetz der Heilkunde ist dies: Nicht Christus braucht das Heilmittel, sondern seine Jünger. Er geht einen Weg zum Kreuz, der ihn selbst zum Heilmittel werden lässt. Hier ist das Geheimnis der Medizin: ein Heilmittel wirkt nicht als es selbst. Es opfert sich, um mir zu helfen. Es tut es gern, sonst wäre es nicht so hilfreich. 

 


Der Esel sieht die Engel

Im AT macht Bileam die Erfahrung, dass seine Eselin die Engel sehen kann. In dem Engel erscheint Bileam Gott selbst. Mit dieser Geschichte verknüpft Hildegard den Anfang des Kreuzigungswegs mit dem Anfang des Lukasevangeliums. Hier erscheint der Engel dreimal: zu einem Mann, einer Frau, und im Zeichen des Gewandes Christi: den Windeln. Von hier wird der Betrachter geleitet zu den drei Personen des Bildes. In ihnen leuchtet Trinität auf. Wir lernen Medizin kennen, eingebettet in eine Theologie des Heiligen Geistes. 

 

Engel ordnen für Hildegard Medizin, Kosmos und Geschichte. Jede der drei Personen steht für einen Aspekt der Medizin wie drei Säulen, an denen man sich orientieren kann.

  • Priesterarzt: In dem Mann begegnet uns Zacharias, der Priesterarzt des Alten Testaments, der den Namen seines Sohnes Johannes mit einem Griffel gehorsam in ein Täfelchen ritzt.
    • Keyword: Aarons Stab, das Symbol seiner Fähigkeit, mit den Gaben der Natur zu heilen. 
    • Vergleichende Vorstellungen: der Äskulapstab der Hippokratischen Medizin
  • Medizin der 10 Jungfrauen: In der Frau begegnet uns Maria, die Mutter Christi, die ihr Angesicht voll Vertrauen und Hingabe dem Engel zuwendet, auch wenn die Verheißung für sie persönlich Leid mit sich bringt. Sie wird verknüpft mit der Jungfrauenweihe der Klöster.
    • Keyword: Lob
    • Vergleichende Vorstellungen der TCM: Yin stärken 
  • Medizin der Tochter Christi: In der anonymen Frau, der Tochter Christi, begegnen uns die Hirten, die das Kind in Windeln gewickelt finden.
    • Keyword: das Gewand Christi berühren


Friede auf Erden

 

Hildegard verknüpft nun das Lob der Engel in Lukas 2 mit Johannes 3, dem Gespräch von Jesus und Nikodemus. Hier werden wir weiter geführt zu dem Punkt, wo alle eine gemeinsame Sprache sprechen: Bleib nicht, wie du bist. Du musst dich ändern. Du musst umkehren zur Caritas - der barmherzigen Liebe, mit der Du geschaffen bist. Dann wirst du Gott und dich selbst finden und zum Lob gelangen.

 

Das Gesetz des Wandels

Unter diesem Stichwort findet man Hildegards Heilkunde heute nicht in Europa oder unserer Geschichtsschreibung, sondern in der Forschung der TCM: „Wer keine Kenntnis über die Wissenschaft des Wandels besitzt, kann auch nicht als meisterlicher Arzt bezeichnet werden“Diese Notiz stammt aus einer Internetveröffentlichung von Prof. Heiner Frühauf. Er zitiert darin den Chinesischen Arzt Su Simiao aus dem 7. Jahrhundert. 

 

Die tiefe Ebene der Caritas spiegelt sich in den Heilmitteln. 


Das Kamel

Die Mönche tragen - passend zum Stein - braune Kleidung aus Kamelhaar. Es erinnert sie an Antonius und den Anfang der Mönchtradition. 

Ein Kamel hat ein Problem: es kann sich nicht wandeln. Es trägt sein Fettpolster immerhin sich herum als Vorrat für schlechte Zeiten. Das macht es unbeweglich und schwerfällig. Es bleibt immer im gleichen Trott. 

Du musst dich wandeln, sagt Christus in der Geschichte vom Reichen Jüngling. Hildegard verknüpft diese Erzählung mit Joh 3 und der Frage des Nikodemus an Christus. 

 



Das Licht des Lebens

 

Das biologische Licht lebendigen Lebens gleicht nicht dem Sonnenlicht. Es drin auch in die Tiefe der Erde und ist nur heilsam. Das zeigt das Weizenkorn.

Auch unser Körper ist gebildet von lebendigem Licht. Es wird sichtbar im Blut. Die Eigenblutnosode ist das lebendige Beispiel für seine Heilkraft. 



Der Tempel des Heiligen Geistes

 

Häuser sind aus Steinen gebaut, natürlichen Mineralien. Sie geben einem Haus Struktur. Hier im Bild ist es der Saphir. Er ist der Stein des Mittags, an dem die Sonne sich nach unten wendet. 

Organismusmodell. Der menschliche Körper ist ganz ähnlich aufgebaut. Er entspricht einem Lebenshaus, in dem alle Muster der Natur eine gemeinsame Heimat finden.