Sehen

Hildegard von Bingen, Liber Divinorum Operum Vision 1

 

Die alten Heilkunden haben ihre Theorien in Bildern dargestellt. Auch das Christentum hat solch ein Symbol der Heilkunde, den Christus Medicus. 

Im ersten Semester meines Biologiestudiums musste ich zuerst einmal lernen, Pflanzen und Tiere richtig zu sehen. Ich schaute einen Schnitt im Mikroskop an und zeichnete, was ich sah. Aber darauf kommt es nicht an. Es geht nicht um Kunst im Bild. In einer wissenschaftlichen Zeichnung muss ich das sehen und erkennen, was ich sehen soll. Ich musste die Zeichnung aus dem Buch im realen Schnitt unter dem Mikroskop erkennen. Genaus so ist es bei Hildegard von Bingen. Ihre erste Bildtafel wird zunächst gesehen. Aber in dem Sehen muss das Gehörte erkannt werden. Nur so gibt es eine gute Atmosphäre, einen guten Geruch - das Wissen, keinen Fehler gemacht zu haben. 

Auch dieses vorliegende Bild ist kein freies Kunstwerk. In ihrem Text zu LDO gibt Hildegard genau vor, was man in dem Bild erkennen und wie man dabei vorgehen soll. 

 

Sehen: eine Diagnose von Kopf bis Fuss stellen

LDO I, 1 Und ich schaute im Geheimnisse Gottes inmitten der südlichen Lüfte ein wunderschönes Bild. Es hatte die Gestalt eines Menschen. Sein Antlitz war von solcher Schönheit und Klarheit, dass ich leichter  in die Sonne hätte blicken können als in dieses Gesicht. 

Ein weiter Reif aus Gold umgab ringsum sein Haupt. In diesem Reif erschien oberhalb des Hauptes ein zweites Gesicht, dessen Kinn und Bart rührten an den Scheitel des ersten Kopfes.

Vom Hals der Gestalt ging beiderseits ein Flügel aus. Die Flügel erhoben sich über den erwähnten Reif und vereinigen sich oben.

Am obersten Teil der Krümmung des rechten Flügels erschien der  Kopf eines Adlers. Dessen Augen waren wie Feuer, und es erstrahlte in ihnen wie in einem Spiegel der Engel Glanz. Auf dem obersten Teil der Krümmung des linken Flügels war ein Menschenhaupt, das leuchtete wie der Sterne Funkeln.

Beide Gesichter waren nach Osten gewandt….

Sie war gewandet in ein Kleid, das der Sonne gleich glänzte. 

In ihren Händen trug sie ein Lamm, das leuchtete wie ein lichtklarer Tag.

Mit ihren Füßen zertrat die Gestalt ein Ungetüm von entsetzlichem Aussehen …und eine Schlange. Die hatte sich in das rechte Ohr des Ungetüms verbissen. Ihr Leib schlang sich quer (transversum) um den Kopf des Ungetüms; ihr Schwanz reichte auf der linken Seite bis an die Füße.

 

Hören: Die Lebenskraft

II. Das heilende Bild sprach:

Et imago haec dicebat:

Ich, die höchste und feurige Kraft, habe jedweden Funken von Leben entzündet, und nichts Tödliches sprühe ich aus. Ich entscheide über alle Wirklichkeit. Mit meinen höheren Flügeln umfliege ich den Erdkreis, mit Weisheit habe ich alles recht geordnet.

Ego summa et ignea uis, quae omnes uiuentes scintillas  accendi et nulla mortalia efflauri, sed illa diiudico ut sunt;

Circeuntem circulum cum superioribus pennies meis, id est cum sapientia, circumuolans omnia recte ipsum ordinaui.

 

Ich, das feurige Leben göttlicher Wesenheit, zünde hin über die Schönheiten der Fluren, ich leuchte in den Gewässern und brenne in Sonne, Mond und Sternen. Mit jedem Lufthauch wie mit unsichtbaren Leben, das alles erhält, erwecke ich alles zum Leben.

Sed et ego ignea uita substantiae diuinitaiis super pulcritudinem agrorum flammo et in aquis luceo atque in sole, luna et stellis

ardeo; et cum aereo uento quadam inuisibili uita, quae cuncta  sustinet, uitaliter omnia suscito. 

 

Die Luft lebt im Grünen und Blühen, die Wasser fließen, als ob sie lebten. Auch die Sonne lebt in ihrem Licht und der Mond wird nach seinem Schwinden wieder vom Licht der Sonne entzündet, damit er gleichsam wieder von neuem auflebe. Auch die Sterne geben aus ihrem Licht, wie wenn sie lebten, klaren Schein.  

Aer enim in uiriditare et in floribus uiuit, aquae fluunt quasi uiuant, sol etiam in lumine suo uiuit;

et cum luna ad defectum uenerit, a lumine solis accenditur ut quasi denuo uiuai;

stellae quoque in lumine suo uelut uiuendo clarescunt.

 

Die Säulen, die das ganze Erdenrund tragen, habe ich aufgerichtet und ebenso die Windkräfte, die wiederum untergeordnete Flügel haben, sozusagen schwächere Winde, die durch ihre sanfte Kraft jenen mächtigen widerstreben, damit sie nicht gefährlich ausbrechen. So deckt auch der Körper die Seele und hält sie zusammen, dass sie sich nicht verhauche.

 

Columpnas etiam, quae totum orbem terrarum continent, constitui, id est ueentos illos qui pennas sibi subditas, scilicet leniores uentos, habent, qui lenitate sua ipsis fortiores sustinent, ne cum periculo se ostendant; quaemadmodum corpus animam tegit et continet, ne exspiret. 

 

Denn wie der Seele Hauch den Leib stärkt und festigt, damit er nicht dahinschwindet, so beleben auch die kräftigeren Winde die ihnen untergebenen Winde, damit sie ihren Dienst entsprechend versehen.

Sicut etiam spiramen animae corpus firmando colligit, ut non deficiat, sic quoque fortiores uenti sibi subiectos animant, ut officium suum congruenter exerceant.

 

Und o ruhe ich in aller Wirklichkeit verborgen als feurige Kraft. Alles brennt so durch mich, wie der Atem den Menschen unablässig bewegt, gleich der windbewegten Flamme im Feuer.

Ego itaque uis ignea in his lateo, ipsique de me flagrant, uelut spiramen assidue hominem mouet et ut in igne uentosa flamma

est.

 

Dies alles lebt in seiner Wesenheit, und kein Tod ist darin, denn ICH BIN DIE LEBENSKRAFT.

Haec omnia in essentia sua uiuunt nec in morte inuenta sunt, quoniam ego uita sum.

 

Ich bin auch die Vernunft (racionalitas), die den Hauch des tönenden Wortes in sich trägt, durch den die ganze Schöpfung gemacht ist. Allem hauche ich Leben ein, so dass nichts davon in seiner Art sterblich ist, denn ICH BIN DIE LEBENSKRAFT.

Racionalitas etiam sum, uentum sonantis uerbi habens, per quod omnis creatura facta est;  et in omnia haec sufflaui, ita ut nullum eorum in genere suo mortale sit, quia ego uita sum.

 

Ich bin die ganze heilende Lebenskraft, nicht aus Steinen geschlagen, nicht aus Zweigen erblüht, nicht wurzelnd in eines Mannes Kraft. Vielmehr hat alle Lebenskraft seine Wurzel in mir. 

 

Integra namque uita sum, quae de lapidibus abscisa non est

et de ramis non fronduit et de uirili ui non radicauit; sed omne uitale de me radicatum est.

 

Die Vernunft (racionalitas) ist die Wurzel, das tönende Wort blüht in ihr. 

Racionalitas enim radix est;  sonans uero uerbum in ipsa floret.

 

Da Gott Vernunft ist, wie könnte es geschehen, dass Er nicht am Werke sei, Er, der doch jedes Seiner Werke aufblühen lässt durch den Menschen. Er schuf ihn ja nach seinem Bilde und nach seiner Ähnlichkeit und zeichnete jedes Seiner Geschöpfe nach einem festen Mass in diesen Menschen.

Vnde cum Deus racionalis sit, quomodo fieri posset ut non operaretur, cum omne opus ipsius per hominem fioreat, quem ad imaginem et similitiudinem suam fecit, et omnes creaturas secundum mensuram in ipso homine signauit? 

 

Von Ewigkeit lag es im Ratschluss Gottes, dass Er sein Werk – den Menschen – schaffen wollte.

Und da er dies Werk vollendete, gab er dem Menschen die ganze Schöpfung, damit er in ihr wirken könne, und zwar in genau der gleichen Weise, wie auch Gott sein Werk – den Menschen – gebildet hatte.

In eternitate namque semper fuit, quod Deus opus suum, scilicet hominem, fieri uoluit; et cum idem opus perfecit, ornnes creaturas ut cum ipsis operaretur ei dedit, quemadmodum etiam ipse Deus opus suum, id est hominem, fecerat.

 

So diene ich helfend. Denn alles Leben erglüht aus mir. Das ewig und gleich bleibende Leben bin ich, ohne Ursprung und ohne Ende. Eben diese Lebenskraft ist Gott, stetig sich regend und ständig am Werk, und doch zeigt sich diese eine Lebenskraft in dreifacher Kraft. 

Sed et officialis sum, quoniam omnia uitalia de me ardent, et equalis uita in eternitate sum, quae nec orta est nec finietur; eademque uita se mouens et operans Deus est, et tamen haec uita una in trbus uiribus est. 

 

Die Ewigkeit wird der Vater genannt, das Wort der Sohn, der Hauch, der beide verbindet, der Heilige Geist. Und so hat es Gott auch in den Menschen gezeichnet; in ihm sind der Körper, die Seele und die "Vernunft". 

Eternitas itaque Pater, uerbum Filius, spiramen haec duo connectens Spiritus Sanctus dicitur,

sicut etiam Deus in homine, in quo corpus, anima et racionalitas sunt signauit.  

 

Dass ich über die Schönheit der irdischen Gefilde flamme, das bedeutet: die Erde ist der Stoff, aus der Gott den Menschen gebildet, und dass ich leuchte in den Wasser, das deutet hin auf die Seele, die den ganzen Leib durchdringt, so wie das Wasser die ganze Erde durchströmt.

Quod autem super pulcritudinem agrorum flammo, hoc terra est, quae materia illa est de qua Deus hominem fecit; et quod in aquis luceo, hoc secundum animam est, quja sicut Aqua totam terram perfundit, ita anima totum corpus pertransit.

 

Dass ich brenne in Sonne und Mond, weist hin auf die Vernunft; sind doch die Sterne unzählbare Worte der Vernunft. 

Quod uero in sole et in luna ardeo, hoc racionalitas est (stellae autem inumerabilia uerba racionalitatis sunt). 

 

Und dass ich mit dem Lufthauch wie mit unsichtbarem Leben, das alles hält, alles lebensvoll erwecke, das sinnbildet: Durch Luft und Wind wird das, was im Wachstum reift, belebt und erhalten, und es weicht in nichts von dem ab, was in ihm ist.

Et quod cum aereo uento quadam inuisibili uita, quae cuncta sustinet, uitaliter omnia suscito, hoc est quoniam aere et uento ea quae in incremento procedunt uegetata subsistunt, a nichilo remota in id quod sunt.

 

Die tiefe Dimension der Caritas (Liebe)

Und wiederum hörte ich eine Stimme vom Himmel, die zu mir sprach: Gott, der alles geschaffen, bildete den Menschen nach Seinem Bild und Seiner Ähnlichkeit und zeichnete in ihm sowohl die höheren als auch die niederen Geschöpfe.

Er hat ihn so sehr geliebt, dass er ihn für den Platz bestimmte, aus dem der gefallene Engel geschleudert ward, und ihm alle Herrlichkeit und Ehre zugeordnet, die jener mit seiner Seligkeit verloren hat.

 

Et iterum audiui vocem de celo michi dicentem: Deus,quia omnia creauit, hominem ad imaginem et similitudinem suam fecit, et in ipso tam superiores quam inferiores creaturas signauit; eumque in tanta dilectione habuit, ut in locum de quo ruens angelus eiectus erat destinaret, et ad gloriam et honorem quem ille in beatitudine perdiderat ordinaret.

 

Dies zeigt das Gesicht, dass du schaust.

Hoc et uisio haec, quam uides, demonstrat.

 

Denn was du im Geheimnisse Gottes inmitten der südlichen Lüfte als wunderschöne Gestalt erblickst, gleich wie ein Mensch gebildet, sinnbildet die Liebe des Himmlischen Vaters. Die Liebe ist es: in der Kraft der unvergänglichen Gottheit, von auserlesener Schönheit, wunderbar in ihren geheimnistiefen Gaben! Sie erscheint in Gestalt eines Menschen, weil der Sohn Gottes, als Er sich mit dem Fleisch bekleidete, den verlorenen Menschen im Dienst der Liebe erlöste. 

Nam quod uides uelut in medio australis aeris pulcram mirificamque in misterio DEI imaginem quasi hominis formam, hoc est quod in fortitudine indeficientis diuinitatis pulcra in electione et mirifica in donis secretorum superni patris caritas est, hominem ostendens; quia cum filius Dei carnem induit, in caritatis officio hominem perditum redemit.

 

Daher ist das Angesicht von solcher Schönheit und Klarheit, dass Du leichter leichter in die Sonne als in dieses Angesicht schauen könntest. Denn der Liebe Übermass strahlt und funkelt in solch erhabenem Blitzesglanz ihrer Gaben, dass es jegliche Einsicht menschlichen Verstehens, mit dem man doch sonst in der Seele die verschiedensten dinge erkennen kann, so weit übertrifft, dass niemand es in seinem Sinnesvermögen zu fassen vermag.

 

Unde eius facies tantae pulcritudinis et claritatis est, ut facilius (leichter) solem quam ipsam inspicere possis; Quoniam largitas caritas in tanta eminentia et choruscatione donorum suorum est, ut onnem intellectum humanae scientiae, qua in anima diversas res intelligere potest, ita transcendat, ut eam nullo modo in sensu suo capere ualeat.

 

Hier aber wird dies in einem Sinnbild gezeigt, damit man dadurch im Glauben erkenne, was man mit äußeren Augen sichtbarlich nicht zu schauen vermag. 

Sed hic in significatione ostenditur, ut per ipsam ille in fide cognoscatur, qui uisibilibus oculis uisibiliter non uidetur.


O Urkraft aus Ewigkeit - 

alles hast Du geordnet in Deinem Herzen. 

Alle die Dinge der Welt,

so wie sie da sind, wie Du sie gewollt,

Du hast sie geschaffen

aus Deinem Wort.

Und dieses Dein Wort

bildete einen Körper

in jener Gestalt, wie sie erwuchs uns aus Adam. 

 

Und also ward 

auch unsere leibliche Hülle

befreit von gewaltigem Leid.

 

O wie groß ist unseres Heilandes Güte!

Er hat alles erlöst, da Er Mensch ward,

als Er - ohne die Fessel der Schuld - ausging aus Gott.

 

Ehre sei dem Vater und dem Sohne

und dem Heiligen Geist!

Und also ward auch unsere leibliche Hülle

befreit von gewaltigem Leid.

 

 

 

Hildegard von Bingen, Symphonia