Hildegardmedizin

 Hildegard von Bingens Medizin in der modernen Forschung

Hildegard von Bingen hat viele Werke hinterlassen, aber die Quellensituation ist unübersichtlich und unzuverlässig. Hildegard hat Medizin noch im Kloster gelernt. Aber das alte Weltbild der Klöster wird nach und nach durch ein neues ersetzt, das sich kontinuierlich weiterentwickelte zu unserem modernen naturwissenschaftlichen Weltbild. Es passt nicht mehr ins Kloster, die Zeit der Universität beginnt. In einer Zeit, in der Bücher mühsam von Hand abgeschrieben werden, ist es verständlich, wenn sie gleichzeitig dem neuen Denken angepasst, d.h. gefälscht werden. Es gibt kein Werk von Hildegard ohne Fälschungen. 

 

Ein zweites Problem liegt in dem Selbstverständnis der Klostertradition. Die Mönche lebten konsequent den Weg der Demut. Man verschleiert bewusst den eigenen Anteil. Der wichtigste Verfasser der damaligen Zeit war „anonymus“. Der Demutstopos ist damit begründet, dass Gott allein die Ehre gegeben werden soll. Das macht natürlich eine historische Untersuchung sehr schwierig, besonders in der Medizin. 

 

Die historische Bewertung der Zeitgeschichte und damit verbunden der Quellen sind von fundamentaler Bedeutung und geben den Ausschlag für die praktische Hildegardmedizin heute. 

 

Wir können entsprechend der Bewertung der Quellen drei Forschungsrichtungen unterscheiden:

 

1. Die Hildegardforschung im Kontext  der katholischen Kirche

 

Die katholische Hildegardforschung, soweit sie mir bekannt ist,  orientiert sich primär an den sogenannten medizinisch naturwissenschaftlichen Schriften Physica und Causae et Curae und bewertet sie als Primärquellen. Von unserem naturwissenschaftlichen Denken her können sie als medizinische Werke erkannt werden, und die relative Kontinuität im Weltbild wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt.

 

Historisch gesehen aber stammen ihre ältesten Abschriften aus einer Zeit etwa 150 nach Hildegards Tod. Sie sind streng genommen Quellen für eine Medizin nach Hildegarden und unserem modernen Denken angepasst.Für Prof. Berndt gilt das Jahrhundert Hildegards von Bingen als Höhepunkt abendländischer Glaubenskraft und Geistesschärfe, bevor ab etwa 1180 die Universitäten entstanden. Diese historische Einschätzung klammert den Verfall der Klöster zu Hildegards Lebzeiten und den damit zusammenhängenden Verlust der alte Mönchsmedizin aus. 

 

Forschungskongresse: 

Die Ernennung Hildegards von Bingens 2012 als Kirchenlehrerin rückte die benediktinische Äbtissin in den Fokus des Forschungsinteresses. 

Der ersten internationalen Kongress der Hildegardforschung 1998 wurde verantwortet vom St. Viktor Institut in Frankfurt - St Georgen unter der Leitung von Prof. R. Berndt und der Benedinerabtei St. Hildegard, Eibigen. Das Thema war die historische Aufarbeitung der Quellen Hildegards. Eine historische Bewertung  erwies sich als schwierig.

 

Auf einem zweiten Kongress 2012 stellte man Hildegard in ihren zeitgeschichtlichen Kontext. 

"Indem wir die Kirchenlehrerin und ihre Schriften in Bezug setzen zu ihren Zeitgenossen, tritt nicht nur das biographische und das intellektuelle Profil unserer Protagonistin hervor. Gerade die Kontextualisierung bietet eine Verständnishilfe für die so außergewöhnliche Denk- und Glaubensform der Heiligen und Doktorin an, die Gabe des Glaubens und seine Annahme durch die Menschen für Gottes allerursprünglichstes Heilshandeln hält." (Prof. Berndt, mündlich).

Das Ziel der modernen Forschung ist eine "praesentiale Hermeneutik" als eine Art "Transferleistung", die versucht, Begriffe aus dem Kontext ihres Entstehens in unsere gegenwärtige Situation zu übersetzen. 

Wichtige Vertreter der Hildegardmedizin im Kontext der katholischen Kirche sind:

Prof Ortrun Riha, Leibzig (Mitherausgebern der Neuübersetzung von Physica). 

Dr. Gottfried Hertzka

Dr. Wighard Strehlow

 

2. Die Forschung von Dr. med. Claus Schulte-Uebbing

Für den Arzt Claus Schulte - Uebbing ist Hildegard von Bingen eine wichtige Vertreterin der Traditionellen Westlichen Medizin. Für die TWM ist die Einheit von Körper, Geist und Seele innerhalb der Schöpfung essentiell. In Anbetracht der vielen psychosomatischen und umweltbedingten Erkrankungen stellt sie eine wichtige Ergänzung und Bereicherung der modernen Medizin dar. In unserer modernen Zeit, wo sich die Folgen der Umweltzerstörung mehr und mehr bemerkbar machen und in vielen Erkrankungen niederschlagen, zeigt die TCM einen ganzheitlichen Weg zur Gesundheit".

 

Auch er sieht in Physica und Causa et Caurae eine Primärquelle. Aber sein Zugang ermöglicht eine Sicht auf ein älteres Stadium von Physica, in der eine Erinnerung an eine alte TCM noch vorhanden ist. 

 

3. Die alte Mönchsheilkunde

Die Annahme eines Umbruchs im Weltbild und eines Verlustes der Mönchsheilkunde führt zu einer anderen Position. 

 

Der Christus Medicus ist eine alte ursprüngliche Hildegardheilkunde, die nicht aus dem Weltbild unserer Tage abgeleitet werden kann. Man kann sie nur finden, wenn man sie in den Kontext ihrer Zeit und Medizin stellt, und das ist in den Kontext der Mönchsheilkunde vor der Universität, die sich in direkter Kontinuität zum Neuen Testament der Bibel herleiten. Sie ist wie die alte Medizin ihrer Zeit eine spirituelle Medizin. Ihre Primärquelle ist das historisch älteste Werk Hildegards Liber Divinorum Operum (Welt und Mensch). Von uns heute her betrachtet handelt es sich hier um eine alte holistische Homöopathie im Kontext der alten Heilkunden, besonders erkenne ich persönlich eine alte Traditionelle Chinesische Medizin. 

 

Die Werke Physica und Causae et Cura werden zu wertvollen Sekundärquellen. Sie lassen die aufgestellten Thesen belegen. 

 

Die drei Phasen des Umbruchs

 


Die vorliegenden interdisziplinäre Arbeit zwischen Theologie und Komplementärmedizin greift die Methode der Kontextualisierung auf. Sie ist dem Werk Liber Divinorum Operum angemessen, denn sie wird von Hildegard selbst angewendet, um die alte Schöpfungstheologie darzustellen. 


Die Welt ist durch Ihn, nicht Er aus der Welt entstanden.

Denn alle Schöpfung ist durch das WORT Gottes hervorgegangen, 

alle Kreaturen, sowohl die Sichtbaren als auch die Unsichtbaren (LDO IV, 105).