Hildegard von Bingen, Physica

Heilkraft der Natur. Das Buch von dem inneren Wesen (natura) der verschiedenen Naturen der Geschöpfe  

 

Die Arzneimittellehre Physica ist ein wichtiges Werk deutscher Medizingeschichte. In 8 (9) Büchern werden etwa 500 Pflanzen, Bäume, Tiere, Steine, Mineralien, Wasser vorgestellt. „In keinem anderen zeitgenössischen Werk ist die belebte und unbelebte Natur so umfassend beschrieben wie hier“(Müller, Die pflanzlichen Heilmittel S. 9). 

Die ältesten Abschriften werden datiert in das 13. Jahrhundert, über 100 Jahre nach Hildegards Tod. Da die Bücher damals mit der Hand kopiert wurden, war es bei praktischen Werken wie einer Arzneimittellehre üblich, sie dem neusten Stand der Forschung anzupassen, um den Patienten angemessen helfen zu können. Darum ist Physica eigentlich die wichtigste Quelle den Umbruch von einer holistischen alten Medizin zu einem naturwissenschaftlichen Weltbild. 

Auf der Grundlage von LDO kann man drei Phasen erkennen. Sie lassen Physica erscheinen wie eine Dose voller Puzzle. Gehören die einzelnen Teile zusammen oder bilden sie verschiedene Bilder. Lassen sie sich noch zusammenlegen oder fehlt etwas? 


1. Eine ursprüngliche Homöopathie.

  • Man kann in Physica eine homöopathische Materia medica erkennen. Schon der Untertitel weist auf einen ursprünglich homöopathischen Gebrauch hin: „Das Buch von dem inneren Wesen (natura) der verschiedenen Naturen der Geschöpfe“. 
  • Das Wesen („natura“) findet man noch im Buch der Bäume, in dem Bäumen eine Empfindung auf der Gemütsebene zugeschrieben wird (Anhang). Stellt man sie in den Kontext moderner homöopathischer Arzneimittelprüfungen, erhält man hier einen interessanten Einblick und eine gute Ergänzung zu den modernen Prüfungen der Homöopatie. 
  • Das Simile wurde in Polaritäten gedacht. Man erkennt die Polaritäten warm - kalt, feucht - trocken. 

 

2. Doctrina perversa

Wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit ohne Beziehung zum Inhalt wird vielen Heilmitteln eine Polarität zugeordnet ähnlich dem Temperaturverhalten der TCM (oder Ayurveda). 

  • Physica I -1 „Weizen ist warm“.
  • Physica II - 11 „Erde ist von Natur aus kalt“.
  • Physica III-16 „Der Ölbaum ist mehr warm als kalt“. 
  • Physica VIII - 17 „Der Regenwurm ist sehr warm“.

Stellt man diese Polaritäten in den Kontext von LDO, so erkennt man hier eine zweite Phase. Die alte ursprüngliche Homöopathie ist verloren gegangen. Die Lehre von den Polaritäten hat sich verselbständigt und wird nicht mehr vom Simile her gedacht.  

Hildegard beschreibt diese Entwicklung in LDO X, 30. Vom (zerstörerischen Prinzip des) Teufel erhält der Antichrist die Eingebung, seinen Mund zu verkehrter Lehre zu öffnen…Denn der Mensch sei ja nun einmal in seiner natürlichen Veranlagung hier kalt und dort warm, so dass es bei solcher Hitze und Kälte zu einem gegenseitigen Ausgleich kommen müsse.WM 308

 

 3. Ein neues Naturverständnis

Man findet eine Naturheilkunde, die wir von unserem modernen Weltbild als Naturheilkunde erkennen. Dazu gehört die traditionelle alte Hildegardmedizin. Wenn Dr. Herzka sein Buch über Hildegardheilkunde "So heilt Gott"  nennt, macht er, ohne es zu merken, unser Wissenschaftsverständnis zum Maßstab für frühere Zeiten und Kulturen.

 

 Für die gängige Hildegardheilkunde ist Physica eine Primärquelle. Diese Bewertung ist vom historischen Standpunkt aus gesehen nicht haltbar. Die alte Homöopathie fällt durch das Erkenntnisraster und wird nicht wahrgenommen. Entscheidend ist das historische Alter der Quelle.