Liber Divinorum operum (LDO)

Deutsche Übersetzungen:

  "Welt und Mensch". Übersetzung von Prof. Schipperges

Das Buch vom Wirken Gottes" (M. Heieck)

 

Die Wurzeln christlicher Heilkunde  liegen in der Naturphilosophie und Kosmologie der Bibel und  in der Symbolik alter Medizin. Nach diesem Kriterium wurde die historische Primärquelle für einen Leitfaden der Klostermedizin ausgewählt: Liber Divinorum operum und der Bildkodex Lucca. Sie werden allen anderen Werken Hildegards vorgeordnet. 

Das Werk LDO ist Hildegards historisch zuverlässigste Schrift. Es ist ursprünglich in Wachstäfelchen geritzt, die immer nur kleine Textteile enthielten (Embach). Erst später wurden Papier und Feder benutzt.

Codex Lucca, Autorenbild von Miniatur 1
Codex Lucca, Autorenbild von Miniatur 1

 Das Autorenbild zeigt die berühmte Seherin, Äbtissin und Ärztin 

Hildegard von Bingen. Sie "schaut" den Heilenden Christus über sich und diktiert ihre Vision dem gelehrten Benediktinermönch Vollmar, der das Bild in eine lateinische Schriftsprache übersetzt. In einer Hand erkennt man noch die Andeutung eines Ritzmessers, mit dem die Texte in Tontäfelchen geritzt wurden. Der Ort der Vision ist (noch) die Schreibstube eines Bendektinerklosters. So ist das Werk Liber Divinorum Operum entstanden, das älteste theologische Werk, das von Hildegard von Bingen erhalten ist. 


LDO ist Hildegards persönliches Spätwerk, quasi ihr Vermächtnis. Es vollendet ihre große Visionstrilogie. 

  • Scivias - Wisse die Wege 
  • Liber vitae meritorum (LVM) - Das Buch der Lebensverdienste
  • Liber Divinorum operum - Welt und Mensch

Die Vita Hildegardis (I) berichtet:

Als ich 65 Jahre alt war, hatte ich eine so geheimnisvolle und überwältigende Schau, dass ich am ganzen Leib zutiefst erbebte und bei der Gebrechlickeit meines Leibes zu erkranken begann.

Diese Vision habe ich endlich mit Mühe vollendet, obwohl ich sieben Jahre daran schrieb....

Inhaltlich bildet die Schrift eine Auseinandersetzung mit der Naturphilosophie und dem neuen sich anbahnenden Weltbild ihrer Zeit, das keinen Platz mehr hat im Kloster und nun in den dafür neu gegründeten Universitäten errichtet werden soll. Gegen den Mainstream kämpft Hildegard für den "Schöpfer", d.h. das heißt die alte Naturphilosophie der Mönchsheilkunde. Sie führt sie zurück in einer ungebrochenen Traditionslinie der Mönchtradition über Christus bis zu der Urgeschichte des Alten Testaments. 

Methodisch stellt Hildegard ihre Schrift in den Kontext der "weiblichen" Hippokratischen Medizin, die sie noch aus eigener Anschauung kannte, der aber wie die christliche Medizin im Umbruch des Weltbilds verloren gegangen ist. Genaue Nachforschungen zeigen, dass es das Prinzip ist, auf dass sich Hahnemann bezieht, wenn er seine Homöopathie in den Kontext der Hippokratischen Medizin stellt. 

Komposition und Inhalt. 

Das Werk ist komponiert in einer Zahlensymbolik, die analog zum Inhalt steht und in dem Codex Lucca bildlich erkennbar wird.  

Die Einleitung von LDO stellt die christliche Medizin in das Discretio Prinzip der Hippokratischen Heilkunde (verschiedene Lebensweisen), der Schluss endet mit dem Simile Prinzip, dem zweiten Heilprinzip der Hippokratischen Medizin. In der Mitte wird in 10 Kapiteln (4+6) ein Leitfaden christlicher Medizin entwickelt. Dabei wird - anders als in unseren bekannten medizinischen Lehrbüchern - die Medizin von ihrem Wesen her erfasst als der Caritas (griechischen. Agape), der barmherzigen Liebe, "da alles Heilen aus Liebe (Caritas) geschieht" (HvB). Auch hier steht sie im Kontext hippokratischer Medizin, die das Wesen ihrer Medizin in der Liebe als Amor (griech. Eros) sieht.

Die tiefe Gemeinsamkeit zwischen beiden Heilkunden sieht sie in der "weiblichen" Hippokratischen Medizin und dem Simile Prinzip. Ihr Akzent liegt auf den Heilmitteln, die vollkommen individuell verstanden sind. Sie sind Werkzeuge der göttlichen Caritas. Mit ihnen schlägt sie eine Brücke zu unserer Zeit und zu der Medizin des Christus Medicus.

Der Demutstopos

Der Demutstopos der mönchischen Askese macht eine historische Beurteilung sehr schwierig. Das Wichtige in LDO steht hinten oder wird nur indirekt erwähnt. 

 

 

Der Demutstopos der mönchischen Askese macht eine historische Beurteilung sehr schwierig. Das Wichtige in LDO steht hinten oder wird nur indirekt erwähnt.  


  • In dem ausführlichen Werk kommt das Wort "Christus medicus" oder christliche Medizin nicht vor. Nur am Ende der ersten vier Kapitel erhält man einen direkten Hinweis auf das Thema: die Autorität Christi. 

„Jeder Mensch, der Gott fürchtet und liebt, öffne daher voll Hingabe diesen Worten sein Herz und wisse, dass sie zum Heil des Leibes und der Seele nicht aus Menschenmund verkündet sind, sondern durch Mich, der Ich BIN“ (Schlusssatz von LDO I - IV ) 

  • Die Tradition der Klostermedizin als die der "Frau mit dem unerfüllten Kinderwunsch" (Frau mit dem Blutfluss) wird in der Einleitung nur durch ein Stichwort erwähnt und dann noch einmal ganz im Schluss. 

Das Buch des Lebens , das eine Schrift des Wortes Gottes ist, durch das alle Welt zum Dasein kam und das alles Leben nach dem Willen des ewigen Vaters und Seiner Vorsehung heraus brachte, hat diese Schrift nicht durch eine Lehre menschlicher Erkenntnis herausgegeben, sondern wunderbar durch eine einfältige und ungebildete Frau. So hat es IHM gefallen. (LDO Nachwort) 

 

Die innere Haltung der Demut leitet den Leser zu einer Homöopathie von oben und von unten. Sie werden beide mit verschiedenen lateinischen Begriffen ausgedrückt. 

 

Homöopathie von oben

Demut liegt im Wesen Christi und seinem Heilen.  Sie ist nicht ein Zeichen von Schwäche, sondern wahrhaft göttlicher Stärke. 

 

Solches schafft der Mensch nicht;

denn wenn dieser mit seinen bescheidenen Möglichkeiten einmal am Wirken ist,

kann er es kaum aushalten,

dass er damit zu Ende komme,

damit sein Werk von anderen gesehen werde.(LDO I 12) 


Christus und sein Diener:

Auf dem Weg der Demut und der Heiligung wird der Jünger Christus ähnlich. Indem er sich zu Christus hin wandelt, findet  er zu seiner ursprünglichen Identität und Bestimmung. Dies wird ihm von Christus geschenkt und bringt ein großes inneres Potential zur Entfaltung, das in ihm angelegt ist und Heilung ermöglicht. 

Die Erfahrung zeigt: die alten Mönche lebten sehr gesund und erreichten oft ein hohes Alter. Auch Hildegard wurde über 80 Jahre als.  


Homöopathie von unten

Im Abendmahl gibt sich Christus mir hin in Brot und Wein. Sie tragen das Wesen ihres Schöpfers: leiden, um mir zu helfen. Weizen wurde vorher gemahlen, Wein wurde ausgepresst. In ihnen konnte jedes Heilmittel individuell gegeben werden. 

Heilmittel bringen quasi von unten, meinem "Magen" her, ein großes Potential für Heilung zur Entfaltung.  

 

 


Die kleinen Dinge betrachten! Sich nicht am Äußeren orientieren! Das gilt nicht nur für das Mönchsleben, sondern auch für die Medizin und die Komposition des Werkes!

 


Drei zentrale Sätze

In den langen lateinischen Sätzen, die das Werk prägen, fallen drei kurze Sätze auf. Sie leiten den Betrachter zu dem Kern des Werkes. 

 

1. die ERwartung der Wandlung

Die Angesichter von Vater und Sohn sind nach Osten gerichtet (LDO I, 1). 

Der Blick nach Osten bedeutet in der christlichen Tradition der Blick auf den wiederkommenden Herrn. Die Gräber sind so eingerichtet, dass die Toten nach Osten schauen als Zeichen der Erwartung des Auferstandenen. Im Zentrum der Medizin steht die Erwartung der Wandlung.

Diese Tradition ist sehr viel älter als das Christentum und kommt ursprünglich aus dem Judentum. Hildegard verknüpft sie mit der biblischen Mythologie der drei Weisen Männer aus dem "Osten". 

Hildegards Sprache ist geprägt von Biblischer Mythologie. Der Blick nach Osten nimmt konkret Gestalt an in den drei Weisen aus dem Morgenland aus Matthäus 2. Sie verstanden, aus den Sternen und der Natur die wahre und ewige Weisheit Gottes zu lesen.

Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wirhaben seinen Stern gesehen im Morgenland (Lat: oriente = Morgen, Osten oder auch Orient) (Mt 2, 1-2). 

Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist voller Wertschätzung für die Menschen, ihre Gedanken und Philosophien, auch wenn sie nicht aus dem richtigen Glaubenslager kommen. 

Paulus drückt es so aus: 

Was man von Gott erkennen kann, ist auch den Nicht Gläubigen offenbar, denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken (Römer 1, 19f). 


2. Nicht Amor sondern Caritas

Die Liebe (Caritas) west im Kreisen der Ewigkeit, ohne Zeit, wie die Glut im Feuer (LDO I, 13). 

Die Liebe als Caritas ist die zentrale Idee hinter allen Kräften des Universums.

  • Ein sprachwissenschaftlicher Vergleich  zeigt (Thesaurus):  Nur in LDO ist Caritas der zentrale Begriff. In den anderen Werken der Visionstrilogie, besonders in Scivias, wird Caritas von dem Begriff Amor abgelöst und kommt auch in den gängigen Nachschlagewerken nicht mehr vor. Amor wird zur "zielbestimmenden Kraft jeder kosmischen Bewegung". Caritas in ihrer naturphilosohischen und ursprünglichen Bedeutung, die Feindesliebe in sich birgt, ist verloren gegangen. 

3. Una persona

Hildegard begreift ihre Medizin von der Einheit der göttlichen Person (Unitate personae) her. Sie ist  "wesensgleich". Dieser Begriff der alten Kirche aus dem Bekenntnis von Nicäa von 325, die Homousie (homoou´sios = wesensgleich) birgt in sich eine Theologie des Heiligen Geistes. 

Sie spiegelt sich in der Schöpfungsordnung als "Homöopathie" und manifestiert sich in den konkreten individuellen Heilmitteln. 


Heilmittel gleichen lebendigen Steinen, die sich über einen langen Zeitraum erhalten haben. Sie verknüpfen unsere moderne Welt mit der Vergangenheit.
Heilmittel gleichen lebendigen Steinen, die sich über einen langen Zeitraum erhalten haben. Sie verknüpfen unsere moderne Welt mit der Vergangenheit.

Ausgaben

Lateinische Ausgaben: 

Deutsche Übersetzungen: 

  • Hildegard von Bingen, Das Buch vom Wirken Gottes;  hrsg. von der Abtei St. Hildegard, Eibingen. Beuroner Kunstverlag 2012
  • Hildegard von Bingen, Welt und Mensch. Otto Müller Verlag Salzburg 1965. Deutsche Übersetzung von Prof. Schipperges

www.gottliebtuns.com/.../Hildegard%20Von%20Bingen%20-%20Welt%20und%20M...

 


Was zu beachten ist

Das Werk enthält zahlreiche Fälschungen. Ihnen muss im einzelnen sorgfältig nachgegangen werden. Es gilt, eklektisch zu arbeiten. Das entscheidende Kriterium für die Echtheit einer Aussage ist der Vergleich mit den biblischen Texten und der Forschungskontext der Komplementärmedizin. 

Die Schrift ist sehr schwer zu verstehen. Die deutsche Übersetzung spiegelt immer auch die Meinung des Übersetzers. Auf jeden Fall muss die lateinische Ausgangssprache hinzugezogen werden. Auf dieser Seite wird die deutsche Übersetzung Welt und Mensch von Prof. Schipperges zitiert.  


Nach dem Buch über das Leben des heiligen Disibod schrieb ich das Buch der göttlichen Werke, in dem ich - wie der allmächtige Gott mir eingab - die Höhe, Tiefe und Breite des Firmaments sah und wie Sonne und Mond, Sterne und alles übrige darin angeordnet sind (Vita Hildegards I).  

 Die Welt ist durch Ihn, nicht Er aus der Welt entstanden.

Denn alle Schöpfung ist durch das WORT Gottes hervorgegangen,

alle Kreaturen, sowohl die sichtbaren als auch die unsichtbaren (LDO IV, 105).