Die Medizin der 10 Jungfrauen

Die christliche Medizin lehnt sich in ihrer Struktur an die Hippokratische Medizin an. Dem männlichen Äskulap ist der weibliche Part  "Hygieia" zugeordnet. Auch die christliche Mönchsheilkunde hat einen weiblichen Aspekt. Es geht hier nicht um weiblich oder männlich an sich, sondern um die Frage, wie weit das Symbol des Weiblichen auf die Mönchsmedizin passt. Das "weibliche" nach dem Verständnis einer patriarchalischen Gesellschaft passt einfach auf einer sehr viel tieferen Ebene als das Männliche. 

 

Unter der Metapher „Medizin der 10 Jungfrauen“  wurde die Mönchsmedizin  ca. im Jahr 430 bei Martianus Capella schriftlich erwähnt und beherrschte über Jahrhunderte die Medizin des Abendlandes. Sie ging erst im Umbruch des Weltbilds verloren.

 

M. Capella. De nuptiis Philologie et mercurii“, zitiert aus Schipperges, Arabische Medizin S. 173

 

Die Jungfrauenweihe im Autorenbild

Ritus

Das Autorenbild weist hin auf den Ritus der Jungfrauenweihe am Anfang eines Klosterlebens. Er geht auf das Inclusentum des Antonius zurück und verliert sich erst im 14. Jahrhundert.

Eine Nonne versteht sich von nun an offiziell als „Braut Christi“ und lebt in Erwartung des himmlischen Hochzeitfestes.  Als Inclusin lässt sich die Nonne in einem kleinen Verließ wie in einem Grab einschließen. Ihre einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein kleines Fenster nach oben, durch das die Speisen gereicht werden und mit dessen Hilfe sie an den Gottesdiensten teilnehmen kann. Der Ritus bedeutet eine Taufe in den Tod und entspricht einem symbolischen Begräbnis. Vom Moment der Einschließung her ist die Inclusin für die Welt gestorben. Sie lebt nur noch für Christus.  

 

„Diese uralte Einrichtung hat sich deswegen so lange Zeit hindurch in allen Klöstern dieser Länder unverändert forterhalten, weil sie, nach der Versicherung der Väter, nicht menschliche Erfindung, sondern den Vätern durch einen Engel vom Himmel mitgetheilt worden sei (Cassianus).“

 

Die Einübung in den Tod bedeutet letztlich für den Christen nichts anderes als ein Sich vergegenwärtigen jenes unausweichlichen Augenblicks, da er seinem Herrn begegnen wird. Denn alle werden ja vor sein Angesicht treten, mögen sie ihn sehnlich erwartet haben oder zeitlebens versucht haben, ihm auszuweichen. Diese Einübung in den Tod bedeutet eine echte Relativierung des irdischen Lebens, da sie alles in Beziehung zu Gott setzt und dadurch davor bewahrt, sich selbstisch in sich einzuschließen. Gabriel Bunge, Akedia. Die geistliche Lehre des Evagrios Ponitkos vom Überdruss S. 104. 

Hildegards Jungfrauenweihe und offizieller Beitritt ins Kloster wird  am 1.11.1112 vollzogen von Bischof Otto von Bomberg. Die Analen des Disibodenberg bestätigen den Akt. Das Eintrittsdatum hat dabei eine symbolische Bedeutung.

Die äußere Zeremonie geht zurück auf Antonius und gleicht einem Begräbnis. Sie lässt sich einmauern. Nur ein kleines Fenster nach oben bleibt offen, durch das Nahrung gereicht wird und sie an den Gottesdiensten teilhaben kann. 

Der Eintritt ins Kloster ist für Hildegard ein Weg persönlichen Verzichts. 

 

"Und als sie, kaum acht Jahre alt, mit Christus begraben werden sollte, um mit ihm wieder aufzuerstehen zur Ehre der Unsterblichkeit, wurde sie auf dem Berg des heiligen Disibod eingeschlossen mit der frommen und Gott versprochenen Frau Jutta, die sie im Gewand der Demut und Unschuld sorgfältig unterrichtete, sie dabei nur in die Lieder Davids einwies und sie zum zehnsaitigen Psalter zu jubeln anleitete...." (Vita I 15)

  

 


Liturgie

Die Liturgie hat die Lesung vom Weizenkorn und der Geschichte der 10 Jungfrauen. Sie leitet zu dem Verständnis der Medizin. Sie ist eine Symbolgeschichte mit vielen Ebenen, die für Hildegard die wesentlichen Bestandteile der Medizin sinnvoll und kohärent darstellen. 

 Dann wird das Himmelreich gleichen 10 Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen. Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig. Die törichten sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Lampen verlöschen. Da antworteten die lugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein, geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst. Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde. (Mt 25, 1-14). 

Das Lied der Jungfrau in Miniatur 1 oben


Hildegard in der Mitte befindet sich unter den Flügeln der Taube. Sie sind ein Symbol für den Gregorianischen Gesang. 

Hier wird die innere Verwandtschaft deutlich zu der Priestertradition. Mirjam, die Schwester Aarons, dichtete den ersten großen Hymnus nach der Errettung vom Roten Meer. 

Das Hochzeitslied des Lammes

LDO V, 32 „Jene sangen das Lied des Lammes, das im Stande der Jungfrauen ertönt, die das Lamm Gottes im Glauben besitzen und eine irdische Vermählung zurückwiesen. Sie schauen das Lamm in solcher Liebe (amor) an, als hätten sie es gegenwärtig…Deshalb ist es für sie eine hohe Freude, dem höchsten König vermählt zu sein. Mit dem Frohlocken ihres Lobpreises singen sie zu Ihm auf, weil sie auch mit dem Sehen ihrer Seele ständig zu dem anderen Leben hin seufzen. All ihre Sorge übergeben sie Gott…“


Maria

Hildegard schließt Vision 1 mit einem Fokus auf der Jungfrau Maria. In ihr ist die Medizin verborgen.

 

Denn Gott wusste, dass Abrahams Gesinnung frei war vom Trug der Schlange, da sein Tun niemandem Schaden zufügte. Deshalb erwählte Gott aus seinem Geschlecht die schlummernde Erde, die gar nichts von jenem Geschmack an sich trug, mit dem die alte Schlange das erste Weib betrogen hatte. Jene Erde aber, vorgezeichnet durch Aarons Stab, war die Jungfrau Maria ....Der Gehorsam Abrahams, durch den Gott seinen Glauben erprobte, indem Er ihm den Widder zeigte, der sich im Dorngestrüpp verhangen, war ein Vorzeichen für den Gehorsam der seligen Jungfrau. Auch sie glaubte dem Wort des Gottesboten und wünschte, dass ihr nach seinem Worte geschehe. Darum bekleidete sich in ihr Gottes Sohn, vorgebildet (praesignare) durch den im Dornbusch hängenden Widder, mit dem Fleisch. Als Gott dem Abraham ein Geschlecht versprach, so zahlreich wie die Sterne des Himmels, schaute Er in ihm jenes Geschlecht voraus, dass der Vollzahl der himmlischen Gemeinschaft zugezählt werden sollte. Weil Abraham voller Vertrauen Gott in allem glaubte, wird er auch der Vater aller derer genannt, die das Himmelreich erben LDO I17). 

 



Von den 10 Jungfrauen (De undecim Milibus virginibus)

 

Lob und Ehr dem Heiligen Geist!

Im Herzen der Jungfrau Ursula

zog Er die jungen Mädchen an

wie eine Schar von Tauben. 

Deshalb verließ sie Haus und Hof, 

wie einstens Abraham.

 

Verzichtet hat sie auf Mann und Heim,

um sich dem Lamm zu vermählen.

 

Die ganze Heerschar aber um sie,

so keusch, goldstrahlend,

im jungfräulich wallenden haare

hat sie das weite Meer durchfahren…

Wer wohl hat je so wunderbare Dinge vernommen!

 

Verzichtet hat sie auf Mann und Heim,

um sich dem Lamm zu vermählen.

 

Ehre sei dem Vater und dem Sohn

 und dem Heiligen Geist!

Symphonia 43