Hildegard, die Tochter Christi

 

Das Autorenbild zeigt drei Personen - jeder der Vertreter eines großen Aspektes der  Medizin. Die unscheinbarste Person des Bildes ist die demütige Nonne rechts, wie nackt im Büßerhemd. Im Text wird sie einfach nur als Mädchen beschrieben. Sie ist die Schlüsselfigur zur Medizin der Mönche: die Tochter Christi.

Wir befinden uns wieder in der Vorstellungswelt der damaligen Zeit: auch Äskulap - Gott der Hippokratischen Medizin - hatte Söhne und auch Töchter (normalerweise aber Söhne). In der Medizin geht es zu wie in einer Familie - der Beruf des Vaters geht nahtlos über in den Beruf des Sohnes. Sohn oder Tochter meint so etwas wie eine Approbation. Diese Person ist befähigt für Medizin.  

Jesus hat keinen Sohn, aber er gibt einer Frau den Titel Tochter und ernennt sie so zur Lehrerin seiner Medizin. Hildegard von Bingen sieht sich in ihrer Einleitung zu LDO in direkter Kontinuität zu dieser Frau. 

 Die Frau mit dem Blutfluss (Lukas 8, 43ff)

Eine Frau hatte den Blutfluss seit 12 Jahren; die hatte alles, was sie zum Leben hatte, für die Ärzte aufgewandt und konnte von keinem geheilt werden. Die trat von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes; und sogleich hörte ihr Blutfluss auf. Und Jesus fragte: "Wer hat mich berührt?" Als es aber alle abstritten, sprach Petrus: Meister, das Volk drängt und drückt dich. Jesus aber sprach: Es hat mich jemand berührt; denn ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist. Als aber die Frau sah, dass es nicht verborgen blieb, kam sie mit  Zittern und fiel vor ihm nieder und verkündete vor allem Volk, warum sie ihn angerührt hatte, und wie sie sogleich gesund geworden war. Er aber  sprach zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden! 


Ravenna, Basilika S. Apollinare Nuovo. 6. Jhd.
Ravenna, Basilika S. Apollinare Nuovo. 6. Jhd.

Die Geschichte der Frau mit dem Blutfluss hat eine bedeutende Wirkungsgeschichte. Sie begegnet uns bei den Kirchenvätern, den Schriften der Wüstenväter, in der Gnosis und wird auch in den frühchristlichen Mosaiken von Ravenna dargestellt. 

 

Der Weg der Demut: Christus hat keinen Sohn, aber eine Tochter - ein Akt der Demut in der damaligen Zeit.  



Ein gründliches Studium von LDO und dem Miniaturenzyklus zeigt die Bedeutung dieser Tradition. Sie liegt begründet in der räumlichen Ordnung der Benediktinerklöster. Alles war miteinander verbunden. Außen im Klostergarten wurden die meisten Heilmittel selbst gezogen. In der Mitte des Klosters befand sich die Kirche, darum die Krankensäle.

In Gottesdienst und Abendmahl berühren die Patienten das „Gewand“ Christi in Öl, Brot und Wein.Zunächst erscheint "Petrus" im Priester, der allen Teilnehmenden das Gleiche gibt und nicht individualisiert. 

Öl, Brot und Wein sind nicht unbedingt wichtige Heilmittel an sich. Sie spielen aber eine große Rolle als Arzneimittelträger. Im Alltag der Klöster konnte Medizin leicht individualisiert werden, ohne dass es ein Außenstehender merkte. 

  • Wein ist Grundlage der Homöopathie, das Brot Grundlage der Arzneimittel, die durch Erhitzung und Kochen zubereitet werden (wie heute schwerpunktmäßig in der TCM), das Öl der Krankensalbung bei Ayurveda.
  • Das Wichtigste ist nicht die äußere Gesundheit, sondern die Hingabe an Christus. Alles andere würde Christus die Ehre nehmen und wird darum verborgen. So wird man dem "besonderen Symptom" dieser Heilkunde gerecht. 

 

Der Weg der Demut: Christus offenbart sich nicht in den wichtigen Heilmitteln, sondern in Arzneimittelträgern. 



Hildegard, die Tochter Christi

Wer ist Hildegard von Bingen? Nicht  die besondere Frau in der Mitte, sondern die demütige Nonne rechts. Nicht mit den äußeren Augen sehen, sondern mit den Augen des Herzens!

Hildegard stellt sich in ihrem Vor- und Nachwort in die Traditionen Frau mit dem Blutfluss. Sie ist die Tochter Christi, und sie ist darin geprägt von dem Bild eines "Menschen", dessen "Angesicht in hellem Glanz erstrahlt" und  der direkt über ihr steht. Dieses Angesicht zeigt Hildegard selbst, die ihr Werk LDO geschrieben hat, um ihren Schöpfer zu verteidigen. 

Leuchtend wie der Sterne Funkeln erscheint das Angesicht eines Menschen auf der Höhe der Krümmung des linken Flügels. Das bedeutet: Wer auf dem Gipfel überwindender Demut, da er die irdischen Dinge, die ihn gleichsam von links anfechten, in Demut niederhält, sich der Verteidigung seines Schöpfers zuwendet, der hat das Angesicht eines Menschen....und erstrahlt in hellstem Glanz (LDO I, 9). 

Man kann den Glanz äußerlich nirgends festmachen, so tief ist er vor den Menschen verborgen. Was sichtbar ist, beschreibt Hildegard mit im Vorwort ganz anders. 

Armes Wesen, du Tochter vielfacher Mühsal...

Ich armes und gebrechliches Wesen begann also mit zitternder Hand zu schreiben,

ungeachtet ich von zahlreichen Krankheiten erschüttert war.

Ich vertraute dabei auf das Zeugnis jenes Mannes....

und auf jenes Mädchen, das ich bereits in den früheren Visionen genannt habe (LDO Vorwort)

Im Nachwort von LDO, ganz am Schluss, ist die Seherin vergessen und nur noch die unscheinbare Frau bleibt übrig. 

  Das Buch des Lebens , das "eine Schrift des Wortes Gottes ist, durch das alle Welt zum Dasein kam und das alles Leben nach dem Willen des ewigen Vaters und Seiner Vorsehung herauslachte, hat diese Schrift nicht durch eine Lehre menschlicher Erkenntnis herausgegeben, sondern wunderbar durch eine einfältige und ungebildete Frau (d.h. Hildegard von Bingen). So hat es IHM gefallen. (LDO Nachwort)). 

Ein Blick in das Nachschlagewerk Thesaurus Hildegardensis zeigt: Das lateinische Wort für "zittern" kommt nur einmal hier in LDO  vor und führt uns mit den anderen key words zu dem zentralen biblischen Text. Er wird hier zitiert in der Vision von Lukas. 



Das Gegenteil ist auch richtig! Die Barmherzigkeit Gottes braucht nicht nur die gehorsame vorbildliche Nonne, sondern auch eine andere Frau. Sie nahm zwar keine Rücksicht auf Christus und gab ihm nichts zu trinken, als er sie darum bat, aber ihr offenbarte er sich auch.


 O Gott, Allerhöchster,

zu Deinem Lob

weihe ich meine Gelübde Dir,

denn ich vermag ja nichts ohne dich,

verwiesen auf meine eigene Kraft.

 

Nur die Gnade des Heiligen Geistes

kann mich dazu befähigen,

die du in mir entfachst. 



Vision 1 - Das besondere Symptom: die Demut

Christus - der Arzt, der selbst Tote heilen kann - autorisiert keinen Sohn als seinen Nachfolger, "nur" eine Tochter, eine einfache kinderlose Frau - ein Akt der Demut in einer patriarchalischen Gesellschaft. Niemand sieht in dieser Szene eine  Bedeutung für die Medizin. 

 

Demut ist das "besondere Symptom" des Christus medicus und seiner Medizin. Sie ist nicht ein Akt der  Schwäche, sondern der wahrhaft göttlichen Stärke. 

 

Solches schafft der Mensch nicht;

denn wenn dieser mit seinen bescheidenen Möglichkeiten einmal am Wirken ist,

kann er es kaum aushalten,

dass er damit zu Ende komme,

damit sein Werk von anderen gesehen werde.(LDO I 12) 

 

 

Der Demutstopos verhindert einen historischen Zugang zu der Mönchsmedizin. Man verschleierte seinen eigenen Anteil, und der wichtigste Name noch zu Hildegards Zeit ist anonymus. So wirkt die Medizin nach außen wie eine einfache Volksheilkunde.  

Aus der Sicht der klassischen Schulmedizin ist „die Heilkunst des jungen Abendlandes bei allen sozialen Bedürfnissen über ein halbes Jahrtausend hinweg dennoch nie über das Niveau einer empirischen Volksmedizin hinausgelangt….(bis es) dann aber um die Mitte des 12. Jahrhunderts - innerhalb einer einzigen Generation jenen Sprung hat machen können, der sie, die Medizin, zu einer eigenen „facultas“ im „studium generale“ (der Universitäten) erhob“.

 

 

Vergleichende Vorstellungen in der Homöopathie: Das besondere Symptom

Auf die kleinen unwichtigen Dinge achten! Sie können zu einem Schlüsselsymptom im Krankheitsfall werden!"

Bei der Suche nach einem homöopathischen spezifischen Heilmittels...sind die auffallenderen, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen (=charakteristischen) Zeichen und Symptome des Krankheitsfalles besonders und ist einzig fest ins Auge zu fassen; denn vorzüglich diesen müssen sehr ähnliche, in der Symptomenreihe der gesuchten Arznei entsprechen, wenn sie die passendste zur Heilung sein soll" (Hahnemann, Organon § 153)".