Biblische Wurzeln

Hildegard sieht die Klostertradition in Abhängigkeit von der Bibel. Diese hierarchische Zuordnung wird in den Bildern in einer Oben - Unten - Struktur dargestellt. Das geografische Zentrum christlichen Glaubens ist Jerusalem. Hier ist der Ort von Jesu Taufe, seinem Tod und Auferstehung und  Pfingsten, und hier findet man auch die Wurzeln der Mönchsbewegung. 

Jerusalem war und ist ein Kommunikationszentrum von ganz verschiedenen Kulturen. Davon zeugen die Evangelien. Die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sehen Christus und sein Heilen aus unterschiedlichen medizinischen Kontexten und lassen darin eine große Weite erahnen. Man kann drei "Säulen" der Klostermedizin erkennen: Diakonie - Medizin der 10 Jungfrauen - Medizin der Tochter Christi. 

Die Evangelisten

Die Einheit in der Urgemeinde

Die Klöster sahen sich in direkter Kontinuität zu Christus und der Urgemeinde in Jerusalem. Diese Stadt (und nicht Bagdad) ist das Zentrum der Rezeption christlicher Medizin. 

Die gläubige Menge war ein Herz und eine Seele. Niemand nannte etwas von dem, was er besaß, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinschaftlich; soviel ihrer aber Besitzer von Äckern und Häusern waren, verkauften dieselben, brachten den Erlös davon herbei und legten ihn zu den Füßen der Apostel nieder; einem Jeden aber wurde zugeteilt, was er nötig hatte (Apg 4). 

 

Mit dieser Einheit wird das Wesen des christlichen Glaubens und des Mönchlebens erfasst. Sie kommt aus der göttlichen Caritas. In der Einheit wird sichtbar, dass Gott selbst, sein Heiliger Geist, unter der Gemeinde ist. In IHM spricht alles eine gemeinsame Sprache: es gibt keinen wesentlichen Unterschied zwischen einem Leben in der Einheit, dem Dogma des Glaubens und der Medizin. Alle sind innerlich zutiefst miteinander verbunden. 

 

Diese Einheit ist im Umbruch des Weltbildes verloren gegangen. Das wurde äußerlich sichtbar an dem "unerlaubten Schisma" im Jahr 1054, als sich die römisch katholische Kirche von der Östlichen Kirche trennte. Die tiefe Einheit und die gemeinsame Sprache sind eine geistige Voraussetzung für Homöopathie. Wenn man sie nicht mehr wertschätzt, geht das Verständnis für sie ebenfalls verloren. 


Die vier Evangelisten

Jerusalem war ein Kommunikationszentrum von ganz verschiedenen Kulturen, in die die Medizin jeweils eingeschlossen war. Das spiegelt sich in den vier Evangelisten, die Grundlage der Bibel und der christlichen Sicht über Jesus sind. 

Jedes der vier Bilder zeigt den Christus medicus  aus der Perspektive eines Evangelisten. Sie stehen über Hildegard von Bingen. 


 

Miniatur 1: Johannes der Adler 

Der Evangelist Johannes ist der erste in der Reihe, die vorgestellt werden. Diese Stellung weist darauf hin, dass wir hier eine Orientierung finden für eine Ordnung der Medizin. Johannes war von Beruf Fischer. Als er von Christus gerufen wurde, flickte er gerade seine Netze. Das ist kein Zufall. Es wurde in die Bibel aufgenommen als ein geistiges Orientierungsmuster: Verknüpfungen herstellen!



 

 

Miniatur 2: Matthäus der Löwe



 

Miniatur 3: Markus der Mensch



Miniatur 4: Lukas der geflügelte Stier

 

Der letzte Evangelist ist Lukas. Die Stellung am Schluss des Bilderzyklus weist hin auf seine große Bedeutung für die praktische Medizin. Lukas war nicht nur ein griechisch sprachiger Gelehrter und Begleiter des Apostel Paulus, sondern er war ursprünglich Arzt der Hippokratischen Medizin.

Seine besondere Leistung ist die Inkulturation. Er übertrug die Medizin Christi in das Denkmuster der Hippokratischen Medizin und öffnete damit das Christentum mit ihrer Medizin für die damalige Welt.  Indem die Kirche sein Evangelium und die Apostelgeschichte in den Kanon der Bibel aufnahm, gehört die christliche Rezeption der Hippokratischen Medizin mit zu dem Kanon der Bibel.  



 

Alle Evangelisten sind unmittelbar mit einander verbunden, jeder erklärt den anderen "und kommt ihm in seiner Hilfestellung zuvor".  Wenn alle vier in Kohärenz zueinander gesehen werden (sich den Kuss des Friedens geben), bringen sie sozusagen als fünften Evangelisten Hildegard von Bingen hervor. 

Ihre Hände bilden das Symbol des Lebenskreuzes. Es bedeutet neues Wachstum, neues Wirken des Heiligen Geistes, vergleichbar mit dem Wachstum eines Baumes, und ein bisschen erinnert die Gestalt an eine Olive, dem Bild des Lebensbaums der alten Kirche.



Kommunikation

 

Von Anfang an war das Christentum geprägt von Kommunikation. Man denke nur an die Erzählung in Matthäus von den drei Weisen bei Jesu Geburt. 

Die Kommunikation verlief über die alten Handelswege (Seidenstraße) bis nach Indien und China. Davon zeugen die Apostelapokryphen. 


Die drei Säulen der Klostermedizin

Eine Medizin unter dem Segen Gottes

Die Medizin der Mönche steht unter dem Segen Gottes. Er steht am Anfang und ist bis heute Symbol jüdisch - christlicher Spiritualität und Lebens. Der Vater segnet den Sohn und gibt so das spirituelle bis materielle Erbe an die nächste Generation weiter. Das Symbol prägt seit über 3000 Jahren bis heute den jüdischen und christlichen Gottesdienst. In diesem Zusammenhang bildet es eine Brücke von dem spirituellen zum praktischen tätigen Leben außerhalb des Gottesdienstraums und verbindet sie zu einer Einheit.   

 

 Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. 4. Mose 6, 24  

 

Von dem Segen in Genesis 1 aus gehen drei große Traditionslinien der Heilkunde durch die Bibel bis zu Hildegards Zeit. Man findet sie, wenn man mit Miniatur 4 beginnt, dem Garten. Er gehört zu dem Haus der Mönche. Miniatur 1 liest man konsequent von unten nach oben.

  

Priesterarzt - Medizin der 10 Jungfrauen - Tradition der Frau mit dem Blutfluss (Tochter Christi)


 

Die Diakonie wird über den Priesterarzt in einer Traditionslinie zurückgeführt bis zu Genesis 1. 



 

Die Medizin der Jungfrauen wird in einer Linie zurückgeführt bis zu Genesis 2. 



 

Die Medizin der Tochter Christi wird in einer Linie zurückgeführt bis zu Gen 3. 



Der Heilige Geist, der den Menschen tröstet wie eine Mutter, gleicht einem Arzt. 

 

Feuer, Geist, Tröster;

Leben des Lebens aller Welt,

heilig bis du, du belebst die Geschöpfe.

Heilig bist du, du salbst die gefährlich Geschwächten,

heilig bist du, du reinigst die stinkenden Wunden.

belebender Raum der Heiligkeit,

Feuer der Liebe,

o süßes Schmecken in unserem Inneren, 

in unserer Herzen gießt du ein den Wohlgeruch der guten Kräfte.

O reinster Quell, in dem wir betrachten,

wie Gott die Entfremdeten sammelt und die Verlorenen sucht.

O Schutzraum des Lebens

und Hoffnung der Glieder auf Einheit…

Symph. 19