Biblische Wurzeln

Jerusalem als Zentrum der Rezeption

Die Klöster sahen sich in direkter Kontinuität zu Christus und der Urgemeinde in Jerusalem. Diese Stadt (und nicht Bagdad) ist das Zentrum der Rezeption christlicher Medizin. Er ist der Ort von Jesu Taufe, seinem Tod und Auferstehung und zuletzt von Pfingsten. 

 

Jerusalem war (wie heute) ein Kommunikationszentrum von ganz verschiedenen Kulturen. Der Fokus des christlichen Glaubens liegt auf der Gemeinsamkeit und der gegenseitigen Liebe, nicht im Sinn, möglichst viel Ruhm und Ehre zu erlangen, sondern im Sinn der Caritas. 

Die gläubige Menge war ein Herz und eine Seele. Niemand nannte etwas von dem, was er besaß, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinschaftlich; soviel ihrer aber Besitzer von Äckern und Häusern waren, verkauften dieselben, brachten den Erlös davon herbei und legten ihn zu den Füßen der Apostel nieder; einem Jeden aber wurde zugeteilt, was er nötig hatte (Apg 4). 

 

Der Fokus auf der Gemeinsamkeit oder Kohärenz ist ein wesentlicher Bestandteil der christlichen Kirche des ersten Jahrtausend. Er wird später in der Christologie theologisch auf den Punkt gebracht als "Homöousie" - Gott als Trinität in drei verschiedenen "Personen", aber in ihrem Wesen eins.

Das Symbol der Einheit ist der Heilige Geist, der Vater, Sohn und mit ihnen die ganze Schöpfung tief von innen aus dem Herzen heraus verbindet, wie der gemeinsame Atem ein Symbol für tiefe Einheit ist. 

Erst mit dem Schisma 1054 der Kirchenspaltung zwischen östlicher und westlicher Kirche geht dieser Fokus verloren. Für Hildegard ist es ein "verbotenes" Schisma. Der Verlust der geistigen Ebene steht für sie in einem engen Zusammenhang mit dem Verlust der Homöopathie. 

 

Die medizinische Bedeutung liegt in der Symbolsprache verborgen und drückt sich in verschiedenen Bildern der Bibel aus, die - jedes für sich und doch in einem inneren Zusammenhang die ganze Bibel durchziehen.  Die menschliche Ebene der Einheit zeigt sich in der Familiensymbolik, die Einheit in der Natur an der Holzsymbolik. 

 

Die Sprache des Vaters

Vater und Sohn sind das Symbol des göttlichen Segens. Es ist Symbol jüdisch - christlicher Spiritualität und Lebens. Der Vater segnet den Sohn und gibt so das spirituelle bis materielle Erbe an die nächste Generation weiter. Das Symbol prägt seit über 3000 Jahren bis heute den jüdischen und christlichen Gottesdienst. In diesem Zusammenhang bildet es eine Brücke von dem spirituellen zum praktischen tätigen Leben außerhalb des Gottesdienstraums und verbindet sie zu einer Einheit.   

 

 Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. 4. Mose 6, 24

 

Die Sprache der Mutter

Ich will euch trösten, wie euch eine Mutter tröstet.

 

Das Symbol der Einheit ist die Mutter. Vater und Sohn sind zwei verschiedene Personen, aber sie sind verbunden durch die Mutter. 

Das Thema beginnt in der Bibel mit Gen 1 und der Erschaffung von Mann und Frau, zieht sich über Gen 3 bis zu Maria, die Mutter Christi. 

In der Pfingstgeschichte wird dieses Symbolik direkt ausgesprochen.  Es gibt kein Bild, das das Geschehen von Pfingsten besser ausdrücken kann. Jeder Mensch kennt diese Sprache ohne Worte aus den ersten neun Monaten am Anfang seines Lebens. 

 

Apg. 2, 1ff. Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander...

Als nun das Brausen (des Heiligen Geistes) geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Partner und Jeder und Elamititer und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Küren in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber:Wir hören sie in unseren Sprachen von den großen Tagen Gottes reden. Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Sport und sprachen: sie und voll von süßem Wein 

 

Christus - Holz des Heils

Das Symbol des Kreuzes  ist bis heute das Symbol christlichen Glaubens. Hildegard von Bingen kannte noch das alte Lebenskreuzsymbol, das zu der Symbolik aller uns bekannter alter Medizin gehört. Es verbindet Himmel und Erde zu einer Einheit und einem gemeinsamen Raum. 

 

In Miniatur 4 erscheint sichtbar das Lebenskreuzsymbol als "Baum des Lebens" (lignum Salutis). Es ist das Symbol der Wandlung

In jedem der vier Miniaturen erscheint das Symbol eines der vier Evangelisten. Jeder hat einen anderen kulturellen Hintergrund und nimmt Christus mit einem anderen Sinn wahr. Obwohl sie sehr verschieden sind, liegt der Fokus der Betrachtung auf ihrer Gemeinsamkeit.  Alle sind unmittelbar mit einander verbunden, jeder erklärt den anderen "und kommt ihm in seiner Hilfestellung zuvor".  Sie alle haben sich "gewandelt". 

Der wichtigste Evangelist ist Lukas, unauffällig dargestellt in der vierten Miniatur. Er ist nicht nur griechischer Verfasser eines Evangeliums und der Apostelgeschichte, sondern Arzt. Er hat sich gewandelt vom Nachfolger des Stiers, Symbol des Gottes Zeus, zu einem Jünger Christi unter dem Lebensbaum. Hier hat er seine eigentliche  Identität gefunden. Sein neues Verständnis der Hippokratischen Medizin hat der christlichen Heilkunde den Anschluss an die Weltsprache der alten Medizin ermöglicht. 

Wenn alle vier in Kohärenz zueinander gesehen werden (sich den Kuss des Friedens geben), bringen sie sozusagen als fünften Evangelisten Hildegard von Bingen hervor, die in einer eigenen Miniatur unter alle eingeborgen ist.  Auch sie hat sich gewandelt, ist in die Ordensgemeinschaft eingetreten und lebt Tag für Tag das Leben der Heiligung und inneren Wandlung. 

 



Die Säulen christlicher Medizin

Unten im Autorenbild erscheinen drei personifizierte medizinische Aspekte des Segens, die jeder für sich und in Beziehung zueinander die Säulen christlicher Medizin der Klöster bilden. 

 Key words: Priesterarzt - Medizin der 10 Jungfrauen - Tradition der Frau mit dem Blutfluss (Tochter Christi)