Der Äskulapkult

Äskulap war der Sage nach ein "göttlicher" Arzt und wurde als Heiland (soter)verehrt. Sein Vater ist der Lichtgott Apoll, ihm zur Seite  steht seine Gefährtin Hygieia (auch Diana - Apg 19,23). Unser heutiges Wort Hygiene gibt nur rudimentär ihre ehemalige Bedeutung wieder). Beide sind vereint durch das Band der Liebe und machen nur in ihrem Zusammenwirken einen Sinn.

Die griechische Sprache differenzierte unser deutsches Wort Liebe genau:

  • Aus "männlicher" Sicht - von Äskulap aus betrachtet - bedeutet Liebe "Eros" (lateinisch amor). Das gilt nicht nur für das Begehren der Frau, sondern auch für sein Verhältnis zur Natur. Er studierte die Gesetze des Universums oben und weitet ständig seinen Horizont und sein Wissen aus. 
  • Aus weiblicher Sicht - von Hygeia aus betrachtet - bedeutet Liebe "Agape" (lateinisch Caritas), eine untere "dienende" Liebe, die sich in einer Einheit sieht mit "Mutter Erde" unten, die ihren Akzent setzt auf das Nähren und Pflegen allen Lebens.

Beiden Kohärent ist die Schlange, in der griechischen Mythologie Symbol des Eros. Sie unterscheidet sich durch zwei Bewegungsrichtigen: Zu Äskulap und seiner inneren Haltung passt die aufsteigende Schlange, zu Hygiea die quer laufende. 

Beiden kohärent ist auch der Lebensbaum: zu Äskulap passt der Stab, zu Hygiea die Zweige. 


HvB, Codex Lucca Miniatur 1
HvB, Codex Lucca Miniatur 1

 

Der weibliche Aspekt der Hippokratischen Medizin wird symbolisiert durch die transvers verlaufene Schlange der Hygieia. Von hier aus kann eine Brücke geschlagen werden zur Mönchsheilkunde Hildegard von Bingens. Denn in Vision 1 wird mit Bild und Text diese weibliche Aspekt vorgestellt. Christliche Medizin ist quasi eine "weibliche" Form Hippokratischer Medizin, die wie die weibliche Hippokratische Medizin im Umbruch des Weltbilds verloren ging. 

Den Weg der Demut gehen, den einen Schritt, der alles verwandelt:

Gott stürzt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen (Magnifikat Lukas 2).

(Nicht zuerst Yang stärken, sondern Yin!)


Mit diesem Schlüssel findet man einen Weg zu der Struktur der Hildegard Heilkunde und zu dem Autorenbild Hildegards. 

  • Äskulap - der Mann - tritt zurück. Er "dient" der Frau. Der Mönch links nimmt das Diktat einer Frau auf. 
  • Äskulap hat eine Braut (= Hygieia) - Hildegard in der Mitte des Bildes versteht sich als "Braut" Christi. Die alte Mönchsmedizin ist die "Medizin der Jungfrauen", hier dargestellt ist die "Jungfrauenweihe". 
  • Äskulap hat Töchter, die in seinem Namen Medizin praktizieren. Auch Christus hat eine Tochter, zu der sich Hildegard in direkter Kontinuität sieht. Sie steht "zitternd" im Hintergrund. 

So wenig man eine Frau vom Mann her verstehen kann, so wenig kann man christliche Medizin von Hippokratischer Medizin her verstehen. Die altphilologische Forschung setzt andere Schwerpunkte und kann nur geistige Impulse geben.