Komplementärmedizin

Paradigma lebendiges Leben

Die alten Heilkunden, die wir heute noch kennen und praktizieren, und die wir einfach zusammenfassen als Komplementärmedizin - d.h. eine andere Medizin - haben ein anderes Paradigma: Sie gehen aus von lebendigem Leben. 

 

Filme wie "Der Medicus" erwecken heute den Eindruck, als sei ihre Medizin primitiv gewesen - ohne Hygiene, ohne Anatomie, ohne den Mut, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, ohne Leben rettende Operationen. Wie gut, dass diese schreckliche Zeit endlich hinter uns liegt, dass endlich Leichen seziert und Operationen durchgeführt werden können. Dabei überträgt der Film unsere Vorstellungen von Medizin auf frühere Zeiten.

 

Alte Heilkunden sezierten keine Leichen - nicht weil man nicht wusste, was wir heute zu wissen meinen, sondern weil man sich nicht dafür interessierte. Einer Leiche fehlt das Eigentliche, das Grundsätzliche einer medizinischen Behandlung: sein lebendiges Leben, die Anwesenheit seiner Lebenskraft. 

So wird ... das Fleisch durch die Lebenskraft lebendig. 

Einzig und allein durch diese lebendige Kraft lebt es als Fleisch.

Fleisch und Leben und das Leben im Fleisch sind ein einziges Leben

(und können nicht unterschieden werden). 

Und er hatte es brennend lieb.  HvB, LDO.  

 

Wenn  Medizinstudenten Leben an der Leiche studieren, weckt es Interesse und Faszination.

Rembrandt 1632, Mauritshuis Den Haag
Rembrandt 1632, Mauritshuis Den Haag

Für einen vertieften Zugang zu der Medizin Jesu muss man ihn methodisch in den Kontext seiner Zeit und ihrer Medizin stellen. Es ist der Kontext des Paulus, der im Römerbrief schreibt: 

Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige heilende Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen in seinen Werken, wenn man sie wahrnimmt (Römer 1, 20) 

Ohne diesen Kontext findet man Christus nicht mehr in Natur und Medizin. 

 

Den eigenen Ruhm, den rissen sie nieder

durch das Werk ihrer eigenen Hände.

Den nicht von irdischer Hand Geformten

unterwarfen sie ihrer eigenen Hände Werk,

einem verfremdeten Werk,

in dem sie Ihn nicht mehr fanden (HvB, LDO). 


Kommunikation

Das Paradigma der Lebenskraft stellt eine gemeinsame Basis her zu der Medizin, die unseres Wissens vor der Zeit der Universität praktiziert wurde. 


Keine Esoterik!

Alte Heilkunden sind keine Esoterik. Sie gehören zu den Hochkulturen von Medizin und sind beheimatet in einer historischen Epoche, die man in der Geschichtsschreibung die „Achsenzeit“ der Weltgeschichte nennt. Aus einfachen religiösen Vorstellungen (Schamanentum, Orakel) entstehen zusammenhängende große Religionen, die ein Weltbild formen, das sich über einen langen Zeitraum gehalten hat. Die Medizin ist dabei eingebettet in den mikro- makrokosmischen Rahmen ihrer Religion, d.h. die religiöse Sprache hat eine politische, soziale und medizinische Entsprechungsebene. In der "Achsenzeit" konstituiert sich die Medizin und wird grundsätzlich schriftlich fixiert. Spätere Generationen bauen auf dieses Fundament auf und tragen zur Erweiterung bei, stellen aber das System nicht grundsätzlich in Frage. 

 

Die Religionen und Naturphilosophien sind sehr verschieden. Das  Paradigma der Lebenskraft ist eine tief integrierende Kraft und macht es möglich, alte Heilkulturen trotz aller philosophischen Unterschiede in einen gemeinsamen Kontext zu stellen. 

 

Hippokratische Medizin

Die Hippokratische Medizin ist die wichtigste uns bekannte Medizin aus der Umwelt Jesu und des Neuen Testaments. Ihre Wurzeln liegen weit zurück und lassen sich nachweisen in den Hochkulturen des Alten Orients und in den indischen ayurvedischen Schriften.

Ihre Bedeutung für die europäische Medizin hängt eng zusammen mit der Person Hippokrates von Kos (460 - 380). Er gehörte zur "Familie und Tradition der  Asklepiaden, die ihren Ursprung auf (den Gott) Asklepios zurückführten und seit Generationen im Heilberuf tätig waren." (A. Berner Hürbin, Hippokrates S. 21). Sie entwickelten das System der Medizin, einen übergeordneten Bezugsrahmen, der analog zu Politik, Religion und Astronomie für einen langen Zeitraum bindend war. 

 

Die Hippokratische Medizin ist eng verknüpft mit der Geschichte der christlichen Kirche. Die Römer hatten keine eigene Medizin, sondern von den Griechen die Hippokratische Medizin übernommen. Lukas - enger Weggefährte des Paulus und Verfasser eines Evangeliums und der Apostelgeschichte, war Arzt, und  das meint in der damaligen Zeit, er war Arzt der Hippokratischen Heilkunde und in ihre Geheimlehre und Riten eingeweiht. Er war in der Lage, das Heilen Jesu in den weltweiten Kontext einer medizinischen Hochkultur der damaligen Zeit zu stellen. Mit der Aufnahme der schriftstellerischen Werke des Lukas in den Kanon des Neuen Testaments hat die Kirche seine christliche Rezeption offiziell übernommen. 

 

DieWeitergabe der hippokratischer Heilkunde geschah in den Klosterschreibstuben, sonst wären die alten Texte unter den Wirren der Völkerwanderung verloren gegangen. Hildegard kannte selbst noch praktizierte Hippokratische Heilkunde als eine eigene Medizin. 

 

Codex Lucca, Miniatur 1
Codex Lucca, Miniatur 1

Hildegard von Bingen verknüpft die christliche Medizin mit der quer verlaufenen Schlange - Symbol des weiblichen Aspekts Hippokratischer Medizin. Auf diese Weise hat die christliche Heilkunde die ursprünglich heidnische Medizin in ihr Konzept integriert. 


Die Zeit des Umbruchs betraf auch die griechische Philosophie und mit ihr die Medizin. Sie standen quasi im Zentrum der neuen Rezeption. Die alten Übersetzungen der Philosophie genügten nicht mehr. Der "neue" Aristoteles entstand in der Schreibstube eines Benediktinerklosters. Er bedeutet eine Uminterpretation der aristotelische Lehre hin zu einer materialistischen Position. Heute kann die Hippokratische Medizin nicht mehr praktiziert werden. 

 

Die altphilologische Forschung ermöglicht einen Zugang zu dem Problem des Paradigmenwechsels in der europäischen Medizin und der sprachlichen Erfassung der Texte. Sie kann m.E. direkt auf die christliche Medizin übertragen werden. Ich beziehe mich auf dieser Seite auf die Forschung von Prof. Wolfgang Bernard, Rohstock, und Frau Dr. A. Berner - Hürbin, Zürich. 

 

Homöopathie

Am Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte der  Arzt und Chemiker Georg Hahnemann seine Lehre der Homöopathie im Rahmen seiner Zeit und ihrer Medizin. Gegen den Mainstream seiner Zeit gab er ihr das Paradigma der Lebenskraft. 

 

Organon § 9. Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, als Dynamik den materiellen Körper belebende Lebenskraft unumschränkt und hält alles seine Teile in bewundernswürdig harmonischen Lebensgange in Gefühlen und Tätigkeiten, so dass unser einwohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhere Zwecke unsers Daseins bedienen kann.

 

 

Als humanistisch gebildeter Gelehrter erkannte er die geistigen Wurzeln der Homöopathie in der griechischen hippokratischen Heilkunde. Diese These ist in der Forschung der Geschichte der Medizin nicht unbestritten. Hahnemann kannte ja nur die reduzierte Hippokratische Heilkunde nach einem Umbruch im Weltbild. Die neue Forschung der Altphilologie war im noch nicht zugäugig. 

 

 

Traditionelle Chinesische Medizin

Die "Wurzeln der chinesischen Medizin (liegen) einerseits in der daoistischen Kosmologie und andererseits in einer Alchemie der Symbole...In der Formativen Phase ... (ca 500 v. Chr. bis 150 n. Chr.) beherrschte in China im Wesentlichen ein daoistisches System funktionaler Zusammenhänge alle Bereiche geistiger Aktivität. Dieses System bediente sich der Symbolik von Yin und Yang sowie der fünf Wandlungsphasen... und bildete den gemeinsamen übergeordneten Bezugsrahmen, der bei der Einführung eines neuen Forschungsgebietes nicht jedes mal erläutert werden musste...

Die Essenz der TCM besteht nicht in technischen Einzelheiten wie Diagnose und Therapie, sondern in der symbolischen Alchemie, die in der Beschreibung der ganzheitlichen Beziehung von kosmischer, irdischer und physischer Ebene dient." (Frühauf)

Das Tao weist in seiner Struktur eine große Ähnlichkeit auf mit Hildegards Verständnis von Caritas und Trinität. Es fehlt  die persönliche Ebene der Liebe.

 

Die schöpferische Leere - sollte sie nicht Liebe (Caritas) sein? (LDO I,7 -lateinischer Text)

Et quomodo Deus prescientiae suae opere uacuus esset, cum omne opus ipsius, postquam corpore induitur, in officio, quod ei adelt, plenum sit, quod ipsa sancta diuinitas sciendo, cognoscendo, ministrando sibi adesse presciuit? (LDO I, VI, 12)

 

Heute macht die TCM eine ähnliche Entwicklung durch wie die christliche Medizin zu Lebzeiten Hildegards. Sie steht in Erklärungsnöten angesichts einer logischen und rationalen Wissenschaft. Die alte Medizin wird standardisiert und dem westlichen Verständnis von Wissenschaft angenähert. 

Es gibt eine alte TCM, in der die Lebenskraft Qi als Yin und Yang gedacht wird, und in der grundsätzlich das Yin gestärkt wird. 

 

Der katholische Theologe Hyeon-Kweon Cho sieht in der Qi Idee asiatischer Medizin ein Inkulturationsangebot fernöstlicher Pneumatologie. Für ihn hat der Qi Begriff inhaltliche Ähnlichkeit mit dem Begriff des Heiligen Geistes, ohne mit ihm identisch zu sein. So wird es möglich, die Bedeutung des Heiligen Geistes im asiatischen Kontext auszulegen. 

In dieser Arbeit gehe ich genau so vor. 

 

Der Segen der Gastfreundschaft

Die Mönche der ägyptischen Wüste lebten zwar sehr isoliert, aber sie waren eine Art Touristenattraktion mit Besuchern aus aller Welt. Dabei werden auch die Krankenheilungen eine Rolle gespielt haben, denn viele Mönche hatten diese Gabe, die in der Bibel zu den Gnadengaben des Heiligen Geistes zählen. Ihre Schriften fanden eine weite Verbreitung und wurden in viele Sprachen übersetzt. 

Ein großer Kommunikationsradius ist erkennbar, lange Wege wurden zurück gelegt  bis nach China und Indien. Der wichtigste Verkehrsweg ist die Seidenstraße, der Weg der alten Karawanen. Sie ist bis ins 14. Jahrhundert ein aktiver Handelsweg, auf dem neben Handelswaren auch Kulturgut ausgetauscht wurde. 

 

Ausgrabungen im 20. Jahrhundert in Turfan/China zeigen, dass es dort zu Lebzeiten Hildegards christliche Gemeinden gab. Schriftrollen zeigen, dass die Schriften des Mönchs Evagrius Ponticus in China gelesen wurden. Sie bilden eine Brücke zwischen asiatischen und westlichen Christentum und sind eine gemeinsame Traditionsquelle von Hildegard und der Traditionellen Chinesischen Medizin. Leider wurden die Quellen von christlicher Seite noch nicht vollständig ausgewertet, aber von Seite der TCM wird auf diesen Sachverhalt hingewiesen. 

 

Von hier aus könnte sich mit den Schriften auch die christliche Medizin verbreitete und in Kulturen außerhalb Europas tradiert werden. Überspitzt kann man sagen, dass das Christentum seine eigene Heilkunde nicht im christlichen Europa findet, sondern in Asien, vor allem in der TCM. Auf der anderen Seite findet man in der Mönchtradition auch neues Gedankengut aus anderen Heilkulturen.

 

Die wichtigste Person ist m. E. Evagrius Ponticus, auf den eine gemeinsame Tradition von Hildegard von Bingen und der Chinesischen Medizin zurückgeführt wird, da diese Medizin heute noch praktiziert werden kann. 

 

Einen historischen Hinweis auf einen Wissensaustausch kann man m.E. darin sehen, dass von 265 - 581 viele neue Arzneipflanzen der TCM zugefügt und katalogisiert wurden (Claudia Focks, Leitfaden I,2)