Die Wüstenväter

Woher nimmt Hildegard ihr Wissen in der Medizin?

Hildegard versteht sich nicht als eine einzelne Persönlichkeit, als eine Künstlerin, die aus ihrem eigenen Genie und ihrer Inspiration etwas schafft. Diese Sicht ist mittelalterlichen Autoren fremd. Sie hat unsere modernen Vorstellungen geprägt und bildete sich erst im 19. Jahrhundert. Unsere Genies schaffen ihr eigenes Werk, setzen sich ab von den anderen und heben sich heraus aus der Masse, sind in dem Sinn Individuen. Der Mensch im Mittelalter sieht  sich über Generationen eingetaucht in die Fortführung einer Tradition. Ein einzelner gibt weiter, was er selbst erhalten hat. Hildegard ist eingebunden in die alte Mönchtradition der ägyptischen Wüste. 

Auf dem Autorenbild unter Miniatur 1 erscheinen drei Mönche, dargestellt in einer Links - Rechts Struktur. Sie können gedeutet werden als Hildegard von Bingen mit ihren beiden Mitstreitern. Aber sie haben noch mehrere Bedeutungsebenen. Sie alle haben etwas gemeinsam, eine tiefe innere Ebene, die sie miteinander verbindet. Sie sind trinitarisch ausgerichtet (Symbolzahl 3), bzw. sie spiegeln in ihrer Gemeinschaft die göttliche Trinität. 

Der Demutstopos macht einen historischen Zugang zur Mönchsmedizin natürlich sehr schwer. Trotzdem erkennt man in der Symbolik die "Wüstenväter". 

Antonius 251 - 365

Ein exemplarisches Mönchsleben

Antonius ist quasi der erste, d.h. der exemplarische Mönch. An seinem Leben kann man die wesentlichen Züge der Askese (d.h. der mönchischen Ideologie) studieren. Darin eingeborgen ist eine medizinische Bedeutungsebene. 

Lebenslauf

Antonius wird 251 in Koma, Mittelägypten als Sohn wohlhabender bäuerlicher Eltern geboren. Als er 20 Jahre alt ist, sterben seine Eltern. Er bleibt allein zurück mit seiner jüngeren Schwester. In einer Dorfkirche hört er die Geschichte vom Reichen Jüngling (Mt. 19) mit dem Aufruf Jesu, alles zu verkaufen, was er hat, um in seinem Christenleben „vollkommen“ zu werden. Er geht hin und verkauft seinen Besitz, behält aber einen kleinen Teil des Geldes für seine Schwester.

 Die Geschichte vom Reichen Jüngling hat eine große Bedeutung für Hildegard Medizin. Sie zeigt ihr das Wesen des Mönchtums: Nicht in festgefahrenen Gleisen zu verharren, zu meinen, man wäre schon immer fromm gewesen und alles sei ok. Es geht darum, sich fortwährend zu wandeln und sich in jeder Situation neu Christus zuzuwenden. 

Als äußere Hilfe für die innere Wandlung trugen die Mönche braune Kleidung aus Kamelhaaren. Obwohl sie eigentlich nach dem Gesetz der Armut leben, lassen sie diese spezielle und nicht billige Kleidung von weither kommen. Sie wissen um das homöopathische Heilmittelbild des Kamels. Auch ihm fällt es schwer, sich zu wandeln, beweglich zu sein, etwas abzugeben, und es trägt sein Fettpolster lieber auf langen Wegen durch die Wüste. 

Etwas später hört Antonius das Wort Jesu aus Mt. 6,34: Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Er verkauft auch den Rest seiner Habe und gibt seine Schwester in eine Gemeinschaft von Asketinnen. Er wählt sich Asketen aus dem Dorf in der Nähe als Lehrer, denn Askese kann man sich nicht selbst beibringen. So wird er selbst zum Lehrer für viele. 

 Skizzen aus dem Leben des Antonius

In einer zweiten Phase seines Lebens verlässt Antonius seine Mitmenschen, geht in die Wüste und mauert sich ein in ein verlassenes Kastell, lebt dort 20 Jahre. Er kämpft mit seinen eigenen Gedanken, die wie Dämonen ihn umgeben. Er ruft sich dabei die Psalmen in Erinnerung (die Mönche lasen mindestens einmal in der Woche alle 150 Psalmen).

Inklusentum

 

Antonius lebte dabei sehr gesund und brachte seinem Körper eine hohe Wertschätzung entgegen. Er wusste: mit meinem Körper bin ich Teil der Natur. Er gehorcht instinktiv Gott. Für mich als Mensch kommt es nun darauf an, dass ich auch mit meiner Seele Gott gehorche. Dann erst bin ich mit mir selbst eine Einheit. Er starb im hohen Alter von etwa 114 Jahren. 

 

Wirkungsgeschichte 

Das Leben des Antonius hat eine große Auswirkung in der Geschichte. In der Umgebung der nubischen Wüste entstanden 1500 Klöster. Viele Klöster sind zerstört, manche wurden später wieder aufgebaut. An der Stelle, wo Antonius lebte, steht heute das Antoniuskloster tief in der Wüste und hat eine ungebrochene Geschichte bis heute, mehr als 1600 Jahre später.

Der Kirchenvater Augustin bekehrte sich, als er die Lebensgeschichte Antonius hörte.

Der Isenheimer Altar macht Antonius und die nach ihm benannten Antoniter bis in unsere Zeit hinein berühmt.

www.joerg.sieger.de (Isenheimer Altar).

Er wurde das große Vorbild für Benedikt von Nursia, den „Vater“ der Benediktinermönche.

Seine Wertschätzung des Körpers und sein Organismusmodell begegnet uns noch bei Hildegard von Bingen (allerdings nicht bei Bernhard von Clairvaux).

 

Quellen: 

  • Das Leben des Antonius wird überliefert in der Vita Antonii (ca. 360) von Athanasius, dem Bischof von Alexandria (300 - 373). Sie ist ursprünglich in griechischer Sprache geschrieben. Athanasius hatte kein ausschließlich historisches Interesse an der Vita. Sie dient als Vorbild für asketisches christliches Leben. Die Vita schildert Antonius z.B. als Analphabeten. In Wirklichkeit aber konnte er Briefe schreiben.
  •  7 authentische Briefe in georgischer und arabischer Sprache.
  • Weisung der Väter (Apophtegmata Patrum), eine Sprüchesammlung der Wüstenväter. Sie wurde in vielen Sprachen überliefert und war im ganzen Orient verbreitet. Seit dem 6. Jhd. gibt es sie auch in lateinischer Sprache.  Von den 2500 Sprüchen werden 119 dem Antonius zugesprochen. Paulinus Verlag Sophia (Quellen östlicher Theologie) 2009

Evagrius Ponticus 345 - 399

Evagrius Ponticos ist ein griechisch sprechender gebildeter Mönch der ägyptischen Wüste. Er ist ein wichtiges Bindeglied zwischen östlichen und westlichen Mönchtum und hat aber vielleicht die größte Bedeutung für eine medizinische Entsprechungsebene in unserer Zeit.

Obwohl er abgeschieden in der Einsamkeit der Kelia lebte und dort auch starb,  hat er einen weiten Wirkungskreis, besonders nach China und Asien. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen verfasst und gelangten im 5. Jahrhundert bis nach Turfan, China. Ausgrabungen haben gezeigt, dass es dort sehr früh eine christliche Gemeinde gegeben hat, die seine Schriften lasen. Sie sind die z.T. heute im Völkerkundlichen Museum in Berlin aufbewahrt und warten noch auf die vollständige Auswertung. 

Eine Forschung über die Medizin des Evagrius der christlichen Theologie steht noch aus. Anders sieht es aus in der Chinesischen Medizin. Untersuchungen von Prof. Frühauf (TCM) zufolge ist Evagrius Anthropologie des Menschen "ihrem Wesen nach sehr identisch ...mit der, wie sie Liu Yiming" in seiner Lehre der Wandlungsphasen schildert. Die Schriften des Evagrius bilden eine gemeinsame Traditionsquelle von Hildegard von Bingen und der TCM. Von hier aus kann man m.E. die erstaunlichen Übereinstimmungen Hildegards von Bingens mit der TCM historisch ableiten.  

 Im Autorenbild erkennt man die "Trias" des Evagrius Ponticos (von links nach rechts)

• Den Praktikos, der die Gedanken in die Tat umsetzt.

• Den Mystiker, der das Heilige Licht sieht

• Den Theologen, der die höchste Gotteserkenntnis hat. Sie ist dem menschlichen Blick verborgen. 

Eine andere Bibelübersetzung

Evagrius Ponticus sprach griechisch und benutzte noch die griechische Bibel. Sein Zeitgenosse Hieronymus übersetzte die Bibel in die 

lateinische Sprache und machte sie so dem europäischen Sprachraum zugängich. Seine Bibelübersetzung bildete die Grundlage des Humanismus und der Reformation Martin Luthers. Evagrius versteht die Bibel in manchen Teilen anders. Ihr Verhältnis war nicht ohne Spannungen. Ein Beispiel ist der Stein Jaspis. Eine Forschung, die Hildegards Medizin im Kontext asiatischer Medizin untersucht, muss diesem Sachgehalt Folge tragen. 

 

Quellen

  • Gabriel Bunge, Evagrios Pontikos, Briefe aus der Wüste. Beuroner Kunstverlag 2013
  • Gabriel Bunge, Auf den Spuren der Heiligen Väter. Beuroner Kunstverlag 2010
  • Evagrius Ponticos, Der Praktikos. Beuroner Kunstverlag 2011
  • Evagrius Ponticos, Über die acht Gedanken. Beuroner Kunstverlag 2011

Johannes Cassianus 340 - 435

Cassianus war ein Schüler und enger Weggefährte des Evagrius. Er übertrug die "acht logismoi des Evagrius ....mit geringen Änderungen ins Lateinische. Cassians Übersetzungen, die weitgehend an ein monastisches Publikum gerichtet waren, fanden auch in einem breiteren säkularen Publikum Verbreitung..." (Lexikon des Mittelalters, "virtutes").

 

Er gilt  als ein Mittler zwischen östlicher und westlicher Askese (Löhr). Man kann beobachten, dass der Informationsfluss nach Asien auch in umgekehrter Richtung floss. Wir beobachten neue Wege der Klostertradition, die in einem Zusammenhang gesehen werden können mit Kontakten zur asiatischen Welt, z.B. die Tageszeitengebete, die Johannes Cassianus dem Rhythmus der Chinesischen Organuhr angeglichen hat.

 

Er hat einen großen Einfluss auf die Benediktinerregel und das irisch fränkische Mönchtum. Seine wohl bekannteste Schrift "Des ehrwürdigen Johannes Cassianus 12 Bücher von den Einrichtungen der Klöster" (Bibliothek der Kirchenväter) wurde in jedem Benediktinerkloster täglich bei den Mahlzeiten vorgelesen. Sie bilden eine Grundlagenlektüre für Hildegards Medizin. 

 Im Autorenbild wird der Anfang dieses Werkes symbolisch dargestellt. 

 

Wenn wir es mit der Hilfe Gottes unternehmen,

über die Einrichtungen und Regeln der Klöster zu reden,

so beginnen wir am zweckmäßigsten mit der Kleidung der Mönche.

Die innerliche Lebensweise derselben werden wir dann in der Reihenfolge nach darlegen können,

wenn wir erst ihre äußere Ausstattung vor die Augen geführt haben

(J. Cassianus, Über die Einrichtungen der Klöster I 1).

 

Der Mönch links ist vollständig bekleidet. Die Nonne in der Mitte lässt ihr Büßerhemd durchscheinen. Die Nonne rechts ist ganz in ein Bußgewand gekleidet. Von dieser äußeren Erscheinung gelangen wir zu dem Bild hinter dem Bild, in dem sich das Wesen der Klöster und die Medizin verbergen. 

Benedict von Nursia 480 - 547

Benedict von Nursia stammt nicht aus Europa, sondern aus Nordafrika. Er und gründete ein Kloster auf dem Berg Montecassino in Italien. Es ist noch heute Zentrum einer weltweiten Bewegung überwiegend katholischer Klöster. Daneben gibt es auch evangelische Klöster, die sich auf Benedict berufen. 

Zu Lebzeiten Hildegards war Europa von benediktinischen Klöstern übersät. Bedeutende Städte sind um Klöster entstanden, z.B. Fulda, Goslar, München, Salzburg, St. Gallen. Benedikt gilt darum als einer der Vätergestalten Europas. Durch die gemeinsame Religion und lateinische Sprache entstand ein innerer Zusammenhalt der verschiedenen europäischen Kulturen.

 

Über das Leben des Benedict von Nursia erfahren wir aus der Vita von Papst Gregor. Er bezeugt, er habe viele „Wunder“ getan, d.h. er hat wie Jesus viele Menschen geheilt. Er muss ein bedeutender Arzt gewesen sein.

„Nicht nur die zahlreichen Wunder des Gottesmannes wurden berühmt, sondern auch das Wort seiner Lehre strahlte hell auf. Er schrieb eine Regel für Mönche, ausgezeichnet durch maßvolle Unterscheidung und wegweisend durch ihr klares Wort“ (Dialoge II, 36). 

 

Benedict selbst aber spricht nicht von sich und seinen Gaben, er hat eine andere Intention. In seiner Lebensregel (Regula Benedikta) vergleicht er den Abt mit einem Arzt. Die Hauptaufgabe des Ordens liegt in der Medizin, aber die Gabe der Heilung wird mit hineingenommen in die „officio caritatis“,  die "höhere" Ebene des Dienstes am Nächsten. Es ist die höchste Ebene, die ein Arzt erreichen kann, wenn er sich wie ein Heilmittel um Christi willen "auskochen" lässt (HvB, LDO Einleitung).  

Der Besuch des Arztes wird zu einer demütigen einfachen Handlung, in deren Zentrum die Gemeinschaft von Person zu Person steht.

 

Regula Benedicti § 36

1. Die Sorge um die Kranken muss vor und über allem stehen; man soll ihnen dienen, als wären sie wirklich Christus;

2. Hat er doch gesagt: Ich war krank, und ihr habt mich besucht;

3. Und was ihr einem dieser Geringsten getan habet, das habt ihr mir getan.

 Das Autorenbild zeigt den Leitspruch der Benediktiner: Bete - Arbeite - Studiere. Es stellt uns die unermüdliche selbstlose Arbeit der Mönche vor Augen, deren Segen wir noch heute spüren.