Der technische Fortschritt

Manchmal wurden alte Vorstellungen und Symbole einfach nur vergessen:

Ein Beispiel aus dem Codex Lucca:  Der Originaltext von LDO wurde in Wachstäfelchen geritzt, die immer nur kleine Textteile enthielten. Dieses Bild ist für Hildegard ein Symbol  für ein Mikro-Makrokosmos Modell. So wie der Schreiber seine Buchstaben in ein Täfelchen ritzt, so zeichnet Gott den Makrokosmos in den Menschen.

 

Gott, der alles geschaffen, bildete den Menschen nach Seinem Bilde und Seiner Ähnlichkeit und zeichnete in ihm sowohl die höheren als auch die niederen Geschöpfe. LDO I, 3

 

Die Zeiten haben sich geändert. Eine in Täfelchen eingeritzte Schrift kann getastet werden, eine auf Papier geschriebene nicht. Die Schrift ist in eine Ebene fixiert (Fixierung in eine Ebene). Den Körper und seine Funktionen tasten - dieses Wissen um die Pulstastung der Mönche ist verloren gegangen, obwohl es viele wichtige Funktionen hat und in den Texten viele Male erwähnt wird.

Hildegard in der Mitte des Bildes z. B. tastet die "Schreibtäfelchen des Herzens". So konnte sie das erkannte Heilmittel mit ihren Händen verifizieren.  

 

Da die Klöster keine biologische Familientradition kannte wie z.B. die TCM, wurde diese alte Kunst, zu der auch eine gewisse Begabung gehört, nicht mehr natürlich  vererbt und gerät sehr schnell in Vergessenheit. 



Grabmotiv, Herkunft unbekannt. Berner Hürbin, Hippokrates S. 259
Grabmotiv, Herkunft unbekannt. Berner Hürbin, Hippokrates S. 259

 

Auch von diesem Problem ist die Hippokratische Medizin betroffen. Skulpturen auf alten Grabmälern zeigen, dass das Tasten zur ärztlichen Kunst dazu gehörte.  Die Homöopathie Hahnemann hat die Tastkunst nicht übernommen, obwohl Hahnemann seine Medizin in der Hippokratischen Heilkunde sieht. 



Das Tasten liegt in der Mitte der anderen Sinne. (HvB, LDO V, 3)

Es soll die Vollkommenheit der Werke und nicht den Leichtsinn der Fehler haben. 8LDO V,5).

 

In dem fast 500 Seiten langen neu herausgegebenen Werk von Ortuzar Escudero über "Die Sinne in den Schriften Hildegard von Bingens" steht nichts über das Tasten.