Der Priesterarzt

Hildegard von Bingen schrieb ihre Werke nicht selbst, sondern diktiere sie Benediktinermönch Vollmar links im Bild. Die Bilder können mehrdimensional gedeutet werden. "Der Mann" ist nicht nur eine individuelle historische Person, sondern er steht exemplarisch für den Priesterarzt. Er nimmt uns mit in eine Zeit, in der nicht zwischen Medizin und Priestertum getrennt wurde. Das eine Amt war in dem anderen enthalten. Diese holistische Art zu denken finden wir eigentlich in jeder alten Medizin. Sie war auch in Europa tief verwurzelt. Als nach der Wende Medizin an der Pariser Universität studiert werden konnte, haben in den ersten hundert Jahren die Ärzte normalerweise nicht geheiratet. 

 

Eine jüdische Tradition 

Der sogenannte aronitische Segen ist ein jüdisches Symbol und nimmt Bezug auf den ersten Hohenpriester Israels - Aaron, den "Bruder" des Moses. Ursprünglich war er wie sein Bruder ein Schafhirte. Seine Nachkommen bildeten den Stamm Levi.  Priester hatten kein eigenes Land, sondern wurden von den anderen Volksgruppen ernährt. Ihr Leben war ausschließlich dem Dienst an Gott geweiht. Sie gehörten zu der geistigen Elite des Volkes, so wie die Könige und Pharisäer (Joh 3). 

Die Kultur war geprägt von den alten Schriften der Tora. Es gab keine speziellen medizinischen oder politischen Bücher, sondern der Wissenskontext der Medizin war die Religion. Die religiösen Schriften hatten eine Ebene, aus der Medizin und Politik gelesen wurde. Die Priester waren diejenigen, die diese Kenntnis hatten, und so gab es eine gute Ordnungsstruktur. Das Wissen war gepaart mit der Erfahrung über lange Generationen, die in den Familien weitergegeben wurde. Es ist die "Weisheit" als eine "auf Erfahrung beruhender Fähigkeit, erworbenes Wissen richtig anzuwenden" (O.Kaiser).  

 

Christus

Christus hat diese Tradition aufgenommen. Er diskutiert als 12 jähriger mit den Priestern im Tempel, und er schickt Menschen, die er geheilt hat, zur Kontrolle zum Priester. Lukas stellt heraus, dass er über seine Mutter mit dem Priesterstand verwandt war. Aber er hat die äußere Tradition von innen her verwandelt.

Das stellt Hildegard in ihren Bildern vor: 

 

Mutterliebe


Codex Lucca Tafel 2
Codex Lucca Tafel 2

Christus hat einen höheren Anspruch an die Priester als allein die Zugehörigkeit zu einem biologischen Stamm, Wissen und Erfahrung. Er lehnt den Fokus auf das innere Wesen des Priesters. Er fragt nach seinem "Herzen", auf die Kohärenz zwischen seinem äußeren Heilen und seiner inneren Lebensführung. Hier wirft er der Priesterschaft Versagen vor. So erfährt er Auseinandersetzung bis zur krassen Ablehnung.  Er selbst sammelt die Menschen wie eine Henne ihr Ei, und wir sehen in Vision 2, wie Christus mit beiden Armen das "Ei" umhüllt. 


Wie könnt ihr Heilmittel geben und gebt nicht euch selbst, fragt Hildegard ihre Mitschwestern. 


Diakonie (7 Armenpfleger)

Codex Lucca Tafel 4
Codex Lucca Tafel 4

Die Klöster haben die Priestertradition der Juden in gewisser Hinsicht weitergeführt. Sie waren eine geistliche "Familientradition", in der sie ihr Wissen weitergaben.Die Wüstenväter und leitenden Vorbilder der Mönche waren alle große Heiler. Die Klöster orientierten sich dabei nicht an Petrus und den anderen Führern der Kirche, sondern an den Diakonen.

In dem Bild vom Garten begegnen uns sieben Männer bei der Arbeit. Die Zahl 7 leitet den Betrachter zu Apostelgeschichte 6, 1-8.

In seiner Regel  § 36 fasst Benedict von Nursia diese Tradition so zusammen: Die Sorge um die Kranken muss vor und über allem stehen."



Nach Pfingsten konstituiert sich in Jerusalem mit den Aposteln neu eine religiöse Führerschaft. Sie hat den Stand der Priester nicht einfach übernommen, sondern einen neuen Akzent gesetzt. Die Bedeutung der biologischen Familie wurde zurückgesetzt und an ihre Stelle steht die Wertschätzung der Fremden und ihre Integration in die Gemeinde. 

 

In diesem Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. Darum seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 

Und diese Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus...und Philippus.....Diese Männer stellten sie vor die Apostel, die beteten und legten die Hände auf sie. Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam (Apg. 8, 1-8).

 

Die medizinische Ebene war eingeordnet in eine biologische Familientradition eines bestimmten Stammes.  In der christlichen Gemeinde wird sie herausgenommen aus der engen Begrenzung. Wir sehen im Bild, wie der Priestermönch den Frauen dient. Die Fremden werden nicht nur in die Gemeinde integriert, sie bekommen auch die vollen Rechte wie die Einheimischen. 

 

Die Berichte werden ergänzt durch die Steinigung des Stefanus und die Taufe des "Kämmerers" durch Philippus. Aus den Texten wird deutlich, dass die christliche Kirche ihren Horizont weitete zu einer universellen Sicht der Welt. Sie ist die Kirche von Pfingsten, in der auch jeder Fremde in seiner "Muttersprache" die Worte Gottes verstehen konnte. 

Aus der Rede des Stephanus:

Der Allerhöchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, wie der Prophet spricht (Jes. 66, 1.2): Der Himmel ist mein  Thron und die Erde der Schemel meiner Füße; was wollt ihr mir denn für ein Haus bauen, spricht der Herr...Hat nicht meine Hand das alles gemacht? Ihr (Juden) habt das (Heil)Gesetz empfangen durch Weisung von Engeln und habt`s nicht gehalten. Apg. 7, 48ff.


Arons Stab

In ihrer ersten Vision führt sie die Priestertradition zurück bis zu Genesis 1, als Gott nicht nur den Menschen, sondern ganz am Anfang die Tiere "eher als den Menschen" segnet. Sie 

 verknüpft sie  mit der Opferung Isaacs und sieht "Aarons Stab" (LDO I, 17) verwirklicht im Dornbusch, in dem sich der Widder verhangen hat. 

Ein Hirtenstab

Aarons Stab ist kein Herrschersymbol, sondern er hat seine ursprüngliche Bedeutung behalten: er ist ein Hirtenstab. So ist bis heute der Priester und Seelsorger ein Hirte, der sich für seine Gemeinde aufopfert. 


Aus unserer heutigen Sicht ist die "Heilkunst des jungen Abendlandes bei allen sozialen Bedürfnissen über ein halber Jahrtausend hinweg dennoch nie über das Niveau einer empirischen Volksmedizin hinausgelangt...(bis sie)dann aber um die Mitte des 12. Jahrhunderts - innerhalb einer einzigen Generation - jenen Sprung hat machen können, der sie, die Medizin, zu einer eigenen "facultas" im "Studium Generale" der Universitäten erhob". (Schipperges, Arabische Medizin im lateinischen Mittelalter S. 91)