Lukas der Arzt

Ein Arzt der Hippokratischen Medizin

Ravenna 6. Jhd.

 

Die Römer zur Zeit Jesu hatten keine eigene Medizin, sondern von den Griechen die Hippokratische Heilkunde übernommen. Lukas, nach alt kirchlicher Tradition Verfasser eines Evangeliums und der Apostelgeschichte, war nicht nur ein griechischer Schriftsteller, sondern Arzt, und das meint in der damaligen Zeit, er war Arzt der Hippokratischen Heilkunde. Er war in ihre Geheimlehre und Riten eingeweiht.

Als er zum Glauben an Christus kam, hat er nicht noch einmal Medizin studiert, sondern von seinem Verständnis her das Heilen Jesu erfasst. Er war von seinem Wissen her durchaus in der Lage, die Lehre Christi aus der Sicht der hippokratischen Heilkunde medizinisch zu deuten. Mit der Aufnahme seiner schriftstellerischen Werke in den Kanon des Neuen Testaments hat die Kirche zugleich die Rezeption der Hippokratischen Heilkunde offiziell übernommen. 

Nach meinem Eindruck brachte die christliche Gemeinde von Anfang an eine große Wertschätzung der hippokratischen Heilkunde entgegen. Anders als z.B. der Beruf eines Staatsbeamten gehörte der Arztberuf nicht zu den Berufen, die von der Taufe ausgeschlossen wurden.

Die Hippokratische Heilkunde wurde von den Klöstern weiter tradiert. Was wir heute über sie wissen, haben wir aus den Bibliotheken der Klöster entnommen (Prof. Kehnel, Mannheim). Sonst wäre dieser Teil der europäischen Geschichte in den Wirren der Völkerwanderungen verloren gegangen.

 

Die alte Kirche gab Lukas das Symbol eines  Stiers. Auf dem Bild in Ravenna sehen wir ihn unter dem Kelch mit Wein - nach christlicher Deutung Symbol des Abendmahls. Die Hippokratische Heilkunde wird unter den Kelch des Mahls gestellt. Sie hat sich von innen her gewandelt. 



Betrachtet man die Mosaik genauer, so erinnert die Darstellung des Kelches an alte Darstellungen "weiblicher" Hippokratische Heilkunde. Nur die Tiere sind anders. In der Hippokratischen Heilkunde handelt es sich um Schlangen, hier um Tauben. 

 Der Kelch des Heils im Abendmahl wurde mit verdünntem Wein zubereitet. Seine medizinische Bedeutungsebene ist die Homöopathie. Sie gehört zur Hippokratischen Heilkunde, ist aber in der griechischen Medizin dem Diskretio Prinzip untergeordnet. Die christliche Medizin vertauscht die Wertigkeit. 

Ohne eine genaue Kenntnis der Parallelforschung der Hippokratischen Heilkunde und der alten Komplementärmedizin ist es allerdings schwierig, im Lukasevangelium eine medizinische Ebene zu finden!

Inkulturation

Die Bedeutung des Lukas liegt in der Inkulturation. Lukas war von Geburt Grieche, der Weltsprache der Gebildeten seiner Zeit. Wenn er Christi Medizin in den Denkmustern der Hippokratischen Medizin beschreibt, rückt er sie aus der provinzialischen Enge in den weiten Horizont der großen Medizin.

Heute wissen wir nur noch wenig von dem Informationsfluss damals. Er wurde möglich durch die Seidenstraße, die noch zu Hildegards Lebzeiten ein aktiver Verkehrsweg war und erst im 14. Jahrhundert in Europa an Bedeutung erlosch. 

 

Der Stier in Miniatur 4

In dem Miniaturzyklus des Codex Lucca ist die vierte Miniatur dem Abendmahl gewidmet. Zeitlich 6oo Jahre später als die Mosaiken in Ravenna wird nicht der Kelch mit dem Wein direkt dargestellt, sondern in eine Gartensymbolik. Der Stier mag vorher den Garten verwüstet haben. Aber eigentlich rennt ein Stier nicht gern wild im Garten herum. Er liegt viel lieber friedlich unter einem Baum und ruht sich aus. Unter diesem Baum, dem Lebensbaum Christi, hat er zu seiner Identität und zum wahren Frieden gefunden.  

Der Mensch ist zum Fliegen geboren. 

 Vgl. Shen Shi Zusheng Shu, Dr. Shens Kompendium ehren haften Lebens, 1773

"Hetze dein Herz nicht wie ein Pferd, oder Du wirt seine Energie erschöpfen. Lasse dein Herz nicht fliegen wie einen Vogel, oder Du wirst seine Flügel verletzen. Bewege Dinge nicht wild herum, einzig um zu sehen, was geschehen wird. ...Wenn Du gelassen und geduldig bist, wird alles von selbst zu Dir kommen." (übersetzt von Prof. Heiner Frühauf).

 

Vergleichende Vorstellungen: Dimensionalontologie Prof Viktor Frankl

Im Sinn der Dimensionalontologie besagt eine höhere Dimension (keine höhere Rangordnung oder Werturteil) vielmehr, dass wir es mit einer umfassenderen Dimension zu tun haben, die eine niedere Dimension in sich einschließt und einbegreift. Die niedrigere Dimension ist also in der höheren Dimension durchaus im mehrdeutigen Sinn von Hegel "aufgehoben". Und so ist denn auch der Mensch, einmal Mensch geworden, irgendwie Tier und Pflanze geblieben. Nicht anderes als ein Flugzeug, das ja ebenfalls nicht die Fähigkeit verliert, sich gleich einem Auto in der Ebene, auf dem Boden zu bewegen. Freilich wird es sein Flugzeugsein erst unter Beweis stellen, sobald es vom Boden abhebt und sich in den Raum erhebt. Womit nicht bestritten werden soll, dass ein Fachmann bereits von der Konstruktion des Flugzeuges, so lange es noch gar nicht fliegt, wird ablesen können, ob es überhaupt fähig ist zu fliegen. Damit möchte ich auf Portmann abgespielt haben, der nachweisen konnte, dass sich die Menschlichkeit des Menschen bis in seine Anatomie hinein verfolgen lässt. Denn der Körper des Menschen ist immer schon von dessen Geist geprägt. (V. Frankl, Ärztliche Seelsorge) 


Augendiagnose

 

Die innere Wandlung des Lukas beschreibt Hildegard mit Augendiagnostik. Der Stier kann medizinisch gedeutet werden als "psorische Fleck"  - ein Hinweis auf eine überstandene Krankheit. 



 Der Mensch ist zum Fliegen geboren. 

 

Das bedenke der Mensch bei sich:

Auch das aus dem Ei schlüpfende Vöglein,

das noch keine Flügel hat,  

beeilt sich nicht zu fliegen;

erst wenn ihm die Flügel gewachsen sind,

fliegt es, da es sieht:

Das Fliegen ist ihm angemessen (LDO I, 12).