Kreuzzüge

Der historische Hintergrund

Hildegard wurde während des ersten Kreuzzugs geboren. Ihm vorausgegangen war 1054 die Spaltung der westlichen Kirche mit dem Papsttum von Rom von der östlichen heute orthodoxen Kirche. Für Hildegard ist diese Spaltung ein „unerlaubtes Schisma“. Sie sieht darin einen Verlust einer tiefen inneren Einheit, und sie bringt ihn in eine Beziehung zum Verlust der Homöopathie. 

 

Der Konflikt entzündete sich an der Frage, ob die Kirche kriegerische Gewalt ausüben darf. 

Bis dahin hatte sich die Kirche von der Caritas prägen lassen, die den Aspekt der  absoluten Feindesliebe beinhaltet. Jerusalem stand seit dem siebten Jahrhundert unter muslimischer Herrschaft. Aber erst im 11. Jahrhundert nach der Kirchenspaltung reagieren die Christen der westlichen Kirche mit Waffengewalt. 

Das allgemeine Bewusstsein hat sich geändert.Der französische Mönch Bernhard von Clairvaux, Hildegards Zeitgenosse und wohl berühmtester Christ des 11. Jahrhunderts, unterstützt die Kreuzzugsidee theologisch und ideell (De laude novae militiae). Der Papst in Rom verspricht den Kämpfern die Vergebung der Sünden. 

Die Kreuzzüge waren verbunden mit Prognomen gegen die moslemische Bevölkerung im Heiligen Land. In Deutschland kommt es in dem Zusammenhang zu einer Judenverfolgung. Es spricht für Hildegards Einstellung, dass sie in dieser Situation die gemeinsamen jüdischen Wurzeln von Alten und Neuen Testament herausarbeitet.

Der Verlust der bedingungslosen Feindesliebe liegt wie ein Fluch über dem europäischen Christentum. Er führte zum Verlust der Klostermedizin. Im 30 jährigen Krieg zerstörte er den Segen der Reformation.  Ein großer Teil der gebildeten Menschen wandte sich der Aufklärung zu. 

Die Kreuzzugsidee als charakteristische Fälschung

Der Vergleich von Bild 1 und dem Text der zugehörigen ersten Vision zeigt eine charakteristische Fälschung:

Im vorgeordneten Text  hat Christus in den Händen das Lamm,  Symbol von Opfer und Hingabe.Das Schwert wurde nachträglich zugefügt. So wurde die eigentliche Aussage des Bildes wurde ins Gegenteil verkehrt. 

HvB, Codex Lucca Miniatur 1 Autorenbild
HvB, Codex Lucca Miniatur 1 Autorenbild


Der Geistige Wandel

  • Die materialistische Deutung

Verfolgen wir den Prozess zurück, dann erkennen wir in der Fälschung zunächst eine Veränderung der Sprache. Hildegard hat ihre Werke noch in lateinischer Sprache geschrieben. Das lateinische Wort ornatum  kann beides bedeuten: Schmuck, auch Kleidung,  oder Waffenrüstung. Beide können als Waffen interpretiert werden. Als Schmuck stehen die Waffen im Dienst der Liebe, sind also symbolisch gebraucht. Ist das Symbolische aus dem Bewusstsein entschwunden, dann bleibt die Bedeutung Waffe als tatsächliche Waffe übrig. Hier kann es durchaus zu Uminterpretationen kommen, wenn sich der Kontext des Denkens geändert hat.

  • Reduktion und Uminterpretation der Caritas

In der Theologie bedeutet das Schwert eine theologische Uminterpretation und Reduktion der Caritas. Mit dem Schwert ist die Feindesliebe nicht mehr zu erkennen. In Hildegards Zeitgeschichte wird Amor zur Kraft, die hinter allen Kräften des Universums steht. Schaut man in die gängigen Lexika, ist von Caritas in dem Zusammenhang nirgends die Rede. Das ist ein Bedeutungswandel, der auch die Medizin betrifft. 

  • Verlust der Homöopathie 

In den Texten Hildegards öffnet sich das Herz in die Gestik. Das Lamm gehört zu der besonderen Gestik des Opfers Christi. Die Waffe hat mit Christi Herzen nichts mehr zu tun. 

Die Feindesliebe gehört zu den geistigen Grundlagen der Homöopathie, besonders der Nosodenlehre. 

Auf dem Bild spürt man eine Atmosphäre der Auseinandersetzung. Das liegt an den Tieren. Hätte sich Christus mit Blumen umgeben, würde das Bild ganz anders wirken. Tiere sind für Hildegard Tugendkräfte, Heilmittel,  Schmuck und den Waffen der Liebe. Diese Waffen haben mit kriegerischer Ausrüstung nichts zu tun. 



Wie lange noch werden wir die räuberischen Wölfe erdulden und ertragen, sie, die Ärzte sein sollten und sind es nicht? Ist denn das noch passend, dass der Geistliche Soldat ist und ein Soldat Geistlicher? (HvB, LDO X, 16)