Historisches

Jesus der Arzt

Die alten Heilkunden, die wir heute noch kennen und praktizieren, und die wir einfach zusammenfassen als Komplementärmedizin - d.h. eine andere Medizin -  haben ihre Wurzeln in ihrer Religion: die Traditionelle Chinesische Medizin im Taoismus, Ayurveda in den indischen Hochreligionen, die Hippokratische Heilkunde in der griechischen Mythologie und Götterwelt. 

 

Eine christliche Medizin ist nicht bekannt. Dabei war Christus nach den übereinstimmenden Berichten der Evangelien ein bedeutender Arzt, der "Heiland", der alle Menschen an "Leib und Seele" geheilt hat, die sich um Hilfe an ihn wandten. Er konnte sogar Tote auferwecken. Er hat seinen Jüngern nicht nur eine Religion hinterlassen, sondern auch eine personalisierte Medizin, den "Christus medicus".

 

Paradigma lebendiges Leben 

Alte Heilkunden haben aber ein anderes gemeinsames Paradigma: Sie gehen aus von lebendigem Leben. 

Filme wie "Der Medicus" erwecken heute den Eindruck, als sei ihre Medizin primitiv gewesen - ohne Hygiene, ohne Anatomie, ohne den Mut, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, ohne Leben rettende Operationen. Wie gut, dass diese schreckliche Zeit endlich hinter uns liegt, dass endlich Leichen seziert und Operationen durchgeführt werden können. Dabei überträgt der Film unsere Vorstellungen von Medizin auf frühere Zeiten.

 

Alte Heilkunden sezierten keine Leichen - nicht weil man nicht wusste, was wir heute zu wissen meinen, sondern weil man sich nicht dafür interessierte. Einer Leiche fehlt das Eigentliche, das Grundsätzliche einer medizinischen Behandlung: sein lebendiges Leben, die Anwesenheit seiner Lebenskraft. 

So wird ... das Fleisch durch die Lebenskraft lebendig. 

Einzig und allein durch diese lebendige Kraft lebt es als Fleisch.

Fleisch und Leben und das Leben im Fleisch sind ein einziges Leben

(und können nicht unterschieden werden). 

Und er hatte es brennend lieb.  HvB, LDO.  

 

Wenn  Medizinstudenten Leben an der Leiche studieren, zeigt sich darin ein anderes Verständnis von Natur und Medizin. Um einen echten Zugang zu Christi Heilen und der alten Klostermedizin zu erhalten, müssen sie in den Kontext ihrer Zeit und ihrer Medizin gestellt werden. Dazu gehören gewisse historische Grundkenntnisse. 

 

 

Schriftliche Fixierung

Christi Lehre und seine Praxis des Heilens sind schriftlich überliefert in den vier Evangelien. Unter den vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes nimmt Lukas eine besondere Stellung ein, Verfasser eines Evangeliums und der Apostelgeschichte. Er stammt ursprünglich aus Syrien, hatte Jesus nicht persönlich erkannt und wurde erst nach seinem Tod zu einem engen  Weggefährte des Apostel Paulus.

Lukas war nicht nur ein griechischer Schriftsteller, sondern Arzt, und das meint in der damaligen Zeit, er war Arzt der Hippokratischen Heilkunde, denn die Römer zur Zeit Jesu hatten keine eigene Medizin, sondern von den Griechen die Hippokratische Heilkunde übernommen. Sie war keine materialistische Medizin, sondern Lukas war auch in ihre Geheimlehre und Riten eingeweiht. Er verknüpfte das Heilen Jesu mit dem "weiblichen" Aspekt der Hippokratischen Medizin und öffnete es so für die Hochkulturen der damaligen Medizin und ihren Informationsaustausch.  

Nach meinem Eindruck brachte die christliche Gemeinde von Anfang an eine große Wertschätzung der hippokratischen Heilkunde entgegen. Anders als z.B. der Beruf eines Staatsbeamten gehörte der Arztberuf nicht zu den Berufen, die von der Taufe ausgeschlossen wurden. Mit der Aufnahme seiner schriftstellerischen Werke in den Kanon des Neuen Testaments hat die Kirche zugleich seine Rezeption der Hippokratischen Heilkunde offiziell übernommen und bestätigt.

 

Traditionsgeschichte

Die Geschichte der christlichen Medizin ist eng verbunden mit der Geschichte der christlichen Klöster. Das Zentrum der Rezeption ist Jerusalem, der Ort von Jesu Tod und Auferstehung, von Pfingsten und der Urgemeinde. Hier entstanden aus der Urgemeinde  die ersten christlichen Klöster. 

Die Klostermedizin findet sich in der Mönchsliteratur unter drei Aspekten, die eine direkte Kontinuität zeigen  von den Anfängen der Medizin bis zu Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert:  


Im 3. Jahrhundert entsteht neben Jerusalem ein zweites Mönchszentrum in der ägyptischen Wüste (Nitria, Kelia, heute Nubische Wüste). Die Mönche lebten zwar in der Wüste, aber sie waren auf keinen Fall isoliert. Sie waren eine „Touristenattraktion“ der damaligen Zeit (Prof. Löhr, Heidelberg) und hatten einen weiten Kommunikationsradius bis nach China und Indien, wo schon früh christliche Gemeinden entstanden. Der intensive Austausch wurde ermöglicht durch die „Seidenstraße“ - alte Karawanen- und Handelswege. Mit dem christlichen Glauben wurde auch die christliche Medizin weitergegeben.

Über die Wüstenväter Antonius, Evagrius Ponticus, Cassianus und Benedikt von Nursia verläuft der Rezeptionsweg christlicher Medizin nach Europa und bleibt dort viele Jahrhunderte lang die vorherrschende Heilkunde, ohne dabei die Hippokratische Medizin zu eliminieren, im Gegenteil, die Schriften Hippokratischer Heilkunde wurden in den Klöstern weiter abgeschrieben und tradiert. Ohne diesen Dienst wäre sie in den Wirren der Völkerwanderungen verloren gegangen.  

 

Ein besonderer Fokus Benediktinischer Medizin lag auf dem Gartenbau. Durch Völkerwanderungen und Kriege herrschte in Europa eine Mangelsituation. Das Land war in großen Teilen verwüstet und die Bevölkerung Not leidend und verarmt. Die Klöster sahen sich hier in der Verantwortung. Die adeligen oft intellektuellen Mönche waren von zu Hause aus an keine Gartenarbeit gewöhnt. Trotzdem kultivierten sie das Land aus Liebe zu Christus und den Armen. So begründeten sie nachhaltige Entwicklung und Volksmedizin. Einen Höhepunkt bildete die Reichsgüterverordnung Karls des Großen (Capitulare de Villes), die von Benediktinern geleitet wurde. Allmählich besserte sich der Lebensstandard der Bevölkerung. 


Der Abbruch der TRadition

Die Krise der Klöster  

Zu Lebzeiten Hildegards im 12. Jahrhundert ist die Kirche reich und mächtig geworden. Große Dome wurden gebaut, und die allgemeine Versorgung hat sich gebessert. Die Bevölkerung wächst zwischen 1000 und 1348 mehr um das Doppelte. Es herrschte eine große Aufbruchsstimmung. Dabei wurden alte Vorstellungen in den Hintergrund gedrängt, anders interpretiert oder einfach nur vergessen

Für die Kirche, besonders die Klöster,  bedeutet diese Zeit eine tiefe Krise. Das kommt vor allem in dem Schisma 1054 zwischen dem östlichen und westlichen Mönchtum zum Ausdruck, in der Gründung der Templerorden und der Kreuzzüge. 

Von dem allgemeinen Umbruch und Aufbruch ist auch die Medizin betroffen. Die medizinische Lehre wurde vollständig aus den Klöstern ausgelagert und Fach der neugegründeten Universitäten. Eine neue bis dahin im christlichen Abendland unbekannte Medizin entstand. Sie hatte ihre Wurzeln im Islam und seiner medizinischen Rezeption alten Heilwissens. Sie wurde von den benediktinischen Klöstern übernommen und entwickelte sich kontinuierlich weiter bis zu unserer modernen Schulmedizin. 

Parallel dazu wurde durch die Neuübersetzung des Aristoteles die Hippokratische Medizin uminterpretiert. Sie kann heute nur noch auf der psychologisch - geistigen Ebene praktiziert werden und hat ihre holistische Bedeutung verloren (Fixierung in eine Ebene). 

H. Schipperges, Arabische Medizin im lateinischen Mittelalter , in Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. S. 91
H. Schipperges, Arabische Medizin im lateinischen Mittelalter , in Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. S. 91

Den Umbruch im Weltbild kann man auf Hildegards Bildern sehr gut nachvollziehen. Die Bilder sind den Texten nachgeordnet. Ein Vergleich von Bild und Text lässt Fälschungen erkennen. Von ihnen aus lassen sich   Rückschlüsse ziehen  für einen Umbruch im Denken. Verfolgt man ihren Weg zurück, kann man Rückschlüsse ziehen auf alte Denkmuster und Heilweisen.


Der Abbruch verlief in drei Phasen: 

  • eine alte holistische Homöopathie, in der Polaritäten als Yin und Yang gedacht werden
  • die Polaritäten haben sich verselbständigt, es gibt keine gemeinsame (ähnliche) Mitte mehr
  • es bleiben Rezepte übrig, die bei genauer Betrachtung auf eine alte Homöopathie hinweisen.

mehr lesen unter Physica

 

Der Widerstand gegen den Mainstream

Jetzt wollen wir ihnen klar machen,

dass sie in wahrer Gottesfurcht ihr geistliches Gewand tragen

und ihr Amt wahrnehmen sollen, 

so wie die alten Väter dies eingerichtet haben. (LDO X, 15) 

Der geistige Umbruch erfolgte nicht ohne Konflikte, besonders im deutschsprachigen Raum. 

"Zur Zeit Hildegards ist es Rupert von Deutz, der sein Kloster auf dem rechten Rheinufer verließ, um auf einem Esel nach Lion in Frankreich zu ziehen, ein sprechendes Beispiel für die Spannungen, die daraus resultieren. Er wollte in Kanon nicht so sehr die neuen Meister hören, als seine eigenen Standpunkte verteidigen. Natürlich kehrte er, als nicht ganz ernst genommen, enttäuscht zurück. Der Inhalt sehr vieler Bücher, die er hinterließ, bezeugt bis jetzt, dass er nie seinen "monastischen" Ausgangspunkt aufgab. Er ist einer der Autoren, die von Hildegard gelesen wurden". (Berndt, Im Angesicht Gottes sieht der Mensch sich selbst. S. 745).

 

Der Widerstand ist nicht ohne Erfolg. "In Deutschland blieben die Klöster, vor allem die der Benediktiner...noch lange die beherrschenden Zentren der Gelehrsamkeit, während in Italien, Frankreich, England die in den Städten langsam die Leitung übernahmen. Es ist im Licht dieser Entwicklung dann auch nicht erstaunlich, dass die früheste Universität im deutschen Sprachraum erst 1348 in Prag durch den luxemburgischen Herrscher Karl IV. entstand." (Embach) 

 

Heute

Der Umbruch im Weltbild hat unser Sprachmuster verändert. Begriffe haben eine andere Bedeutung bekommen. Der Historiker Angenendt vergleicht darum den Umbruch mit einer Wasserscheide. Das Wasser fließt entweder in die eine oder die andere Richtung, beide Seiten stehen quer zueinander und können nicht miteinander verbunden werden. Wenn wir unsere eigenen naturphilosophischen Denkmuster auf früher übertragen, können wir in der Bibel keine medizinische Bedeutungsebene mehr erkennen. 

Für uns heute ist er nur noch ein "Heiland" für die Seele, mit unserem Körper hat er nichts mehr zu tun. Seine Heilungen sind abgeschoben in den Bereich der Wunder,es gibt kein Erklärungsmuster auf naturwissenschaftlicher Basis. Eine medizinische Bedeutungsebene der Bibel erscheint suspekt und wird aus vermeintlich gutem Glauben abgelehnt. 


Den eigenen Ruhm, den rissen sie nieder

durch das Werk ihrer eigenen Hände.

Den nicht von irdischer Hand Geformten

unterwarfen sie ihrer eigenen Hände Werk,

einem verfremdeten Werk,

in dem sie Ihn nicht mehr fanden (HvB, LDO). 


Der Segen der GAstfreundschaft

Die Mönche der ägyptischen Wüste pflegten eine intensive Gastfreundschaft und empfingen Besucher aus aller Welt. Ausgrabungen aus dem 20. Jahrhundert in Turfan/China zeigen, dass es dort zu Lebzeiten Hildegards christliche Gemeinden gab. Es wurden Schriftrollen des eigentlich sehr unbekannten Wüstenmönchs  Evagrius Ponticus gefunden, die in China gelesen wurden.

Sie sind die z.T. heute im Völkerkundlichen Museum in Berlin aufbewahrt und warten noch auf die vollständige Auswertung. Eine Forschung über die Medizin des Evagrius der christlichen Theologie steht noch aus.

Der Forschung der Chinesischen Medizin zufolge ( Prof. Frühauf)  ist Evagrius Anthropologie des Menschen "ihrem Wesen nach sehr identisch ...mit der, wie sie Liu Yiming" in seiner Lehre der Wandlungsphasen schildert. Sie bilden eine Brücke zwischen asiatischen und westlichen Christentums und  eine gemeinsame Traditionsquelle von Hildegard von Bingen und der TCM. Dann ist man nicht mehr erstaunt, bei Hildegard von Bingen eine alte TCM zu finden, in der Qi als Yin und Yang gedacht wird. Viele Heilpflanzen der Klostermedizin finden wir in der Chinesischen Medizin, und gerade in der Zeit der Wüstenmönche 265 - 581 wurden viele neue Arzneipflanzen katalogisiert. Ob es hier einen inneren Zusammenhang gibt, kann nur vermutet werden. 

 

Überspitzt kann man sagen, dass das Christentum seine eigene Heilkunde nicht im christlichen Europa findet, sondern in Asien, vor allem in der TCM. Auf der anderen Seite findet man in der Mönchtradition auch neues Gedankengut aus anderen Heilkulturen wie der TCM.


 

Vater, wir sind in arger Not

Und wir flehen und rufen und rufen

und flehen Dich an durch Dein Wort!

Durch Dein Wort hast Du uns gebildet,

hast uns in Fülle geschenkt, was immer wir brauchen.

Sei uns nun geneigt,

unser Vater, sei uns ein Vater:

Richte Dein Antlitz auf uns,

schenk Deine Hilfe uns,

lass uns nicht untergeht,

lass nimmer zu, dass in uns dunkle Dein Name!

Komm uns zu Hilfe,

durch Deinen Namen: Vater unser.

HvB, Symphonia 2