Der Bildkodex Lucca

Hildegard von Bingen lebte noch in einer einfachen Kultur. Bildung und Bücher waren nur der oberen Schicht der Bevölkerung zugänglich. Um auch einfachen Menschen am Leben der Kirche teilhaben zu lassen, stellten die Mönche die Bibel in Bildern dar. In dem Zyklus der ersten vier Bildtafeln kann man noch eine medizinische Entsprechung der Bibel sehen - sie ist personalisiert als  Christus medicus. 


Die historische Quelle

Der Lucca Codex gehört zu den wichtigsten Handschriften der Werke Hildegards von Bingen und ist bis heute unversehrt erhalten. Er illustriert Liber Divinorum Operum (LDO). Die Bilder sind den Texten nachgeordnet. Die Bildtafeln werden aufbewahrt in der Bibliotheca Staate di Lucca in Italien und wurden mir freundlicherweise für Unterrichtszwecke zur Verfügung gestellt. Sie dürfen nicht kopiert werden. 

Der Codex Lucca enthält 10 Bildtafeln. Hier werden nur der Zyklus der ersten vier Miniaturen vorgestellt. Über die Datierung gibt es unterschiedliche Meinungen. 

  • Prof. Schipperges geht davon aus, dass der Codex Lucca noch aus der Klosterschreibstube Hildegards stammt.
  • E. Embach datiert aufgrund paläographischer Indizien den Bildkodex aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert. (Embach, Die Schriften der HvB, 1. Auflag. S. 166). 

Vergleicht man Bild und Text, so erkennt man klare Fälschungen der Bilder, die in der Forschung nicht berücksichtigt wurden. Meines Erachtens sind die Bilder parallel zu dem Werk entstanden und nachträglich Ergänzungen angebracht worden. 

 

Hinter den schlichten ersten vier Bildern verbirgt sich ein monumentales Werk im Stil einer universellen Schau von Religion, Mensch, Natur und Medizin. Es gibt keine Abgrenzung, alle Wissenschaften sind hinein verwoben, und die Medizin umfasst einen großen Bogen von „Adam und Eva“ bis zum Ende der Zeit. In dieser holistischen Gesamtschau steht sie im Kontext alter holistischer Heilkunden vor der Universität. 

Bilder als Sprache verstehen

Die Bilder sind geschrieben in der Symbolsprache der alten holistischen Heilkunden. Mit ihnen konnte man sich untereinander verständigen und seine Auffassung von Medizin austauschen.Man kann die Bilder lesen wie eine alte Bildersprache wie die Chinesische Sprache. 

Radikale

Die chinesische Schriftsprache wird nicht aus abstrakten Buchstaben gebildet, sondern aus Symbolen. Sie geben Erscheinungen und Erfahrungen einen Namen, der mit dem äußeren Bild auch das innere Wesen eines Bildes erfasst. Auch auf den Miniaturen kann man "Radikale" entdecken:  Mann und Frau, Kleider, Kosmos, Tiere, Pflanzen, Mineralien (Steine). 

Eine sorgfältige Prüfung zeigt eine medizinische Entsprechungsebene: Sie sind Heilmittel moderner Homöopathie, unter bestimmten Aspekten auch Heilmittel der TCM oder Ayurveda. Die Wirkung dieser Mittel ist sorgfältig geprüft und durch klinische Erfahrung bestätigt. Ihre Heilmittelbilder zeigen das innere Wesen Christi auf eine  Nicht - Theologische  und profane Weise (Hildegard: sie umgeben ihn wie ein Gewand - sie sind nicht er selbst, aber sie bilden ihn ab.)

 

Strukturen erkennen. 

Je nach Kontext bilden die Radikalen Strukturen und lassen Beziehungsmuster der erkennen. Im Kontext alter Medizin entsteht eine Ordnung, die man lesen und mit der man konkret Heilen kann.

Sie wird ausgedrückt in einer Zahlensymbolik. Auf der medizinischen Ebene wird so ermöglicht,  ein Heilmittel zu finden ohne Repertorium und Computer. In einer Zeit, in der der ein großer Teil der Weltbevölkerung von technischen Hilfsmitteln ausgeschlossen sind, kommt dieser Diagnostik eine hohe Bedeutung zu. 

 

Auf dieser Skizze bilden die Radikalen die symbolische Zahl 2.  Je nach Darstellung ergeben sich ganz unterschiedliche Hierarchien und Beziehungsebenen, die sprachlich und analog medizinisch gedeutet werden können. 

 

Die Bilder lesen: 

Alte Heilkunden sind "Weisheitslehren". Man lernt man nicht aus Büchern, sondern nur persönlich von einem Lehrer. In jedem Bild erscheint Hildegard von Bingen, die Lehrerin alter Klosterheilkunde. Sie lehrt, die Bilder in der rechten Weise zu lesen. Die chinesische Sprache liest man von links nach rechts, von oben nach unten, von außen nach innen. Die Bilder müssen genau umgekehrt gelesen werden: von unten nach oben - von rechts nach links - von innen nach außen. 

Das liegt an dem Selbstverständnis benediktinischen Mönchtums - der besonderen Art ihrer Askese. Auf dem Autorenbild unter der ersten Tafel nimmt sie uns mit hinein in den Weg der Demut. 

Der Mönchsvater Johannes Cassianus schreibt: Wenn du die Demut in Wahrheit besitzt, wird sie dich sofort zu einer höheren Stufe, zur Caritas (Liebe) empor führen. (Einrichtung der Klöster IV,39). 

 

Wer ist Hildegard von Bingen, unsere Lehrerin der Medizin?

Nicht die die große Äbtissin und Seherin links, sondern die demütige Nonne rechts. Sie hält ein Auge offen und eins geschlossen und lehrt, die Bilder im Kontext alter Medizin von der Wahrnehmung her zu differenzieren. Mit ihren Händen  formt sie das Kreuz - das wichtigste Symbol christlichen Glaubens und alter Medizin. Ihre Arme bilden einen Gürtel. 

Gehen wir den Weg noch tiefer, führt sie uns aus der Bibliothek  in die Schneiderstube der Klöster. Das Kleid ist zu kurz geworden, es musste ausgeweitet werden.  

„… so hast Du den Saum Deines Gewandes ausgeweitet. Mit Lobpreis hast Du den Himmel in Bewegung gesetzt und ihn mit einer Fülle an Schönheit im Gürtel der Engel umgeben, die, während sie Dich im Gürtel des Lobes umringen, nicht aufhören können, zu staunen, dass Du den Menschen so erschaffen. Mit dem gleichen Gürtel des Lobes hast Du den Menschen umgürtet anstelle jenes Engels, der die Himmelsehre zurückwies und versagte. Mit Deinem Gewande hast Du ihn so gefestigt, dass er fürderhin vom Lobpreis nicht ablasse“.(WM 58)


Discretio - die Tabelle

Die Bilder sind geordnet nach der Wahrnehmung. Wie in der TCM kann man eine Tabelle  von Analogien aufstellen. 

Codex Lucca

Autorenbild Miniatur 1

Miniatur 1

Miniatur 2

Miniatur 3

Miniatur 4



Wahr-nehmung

riechen

sehen

 tasten

schmecken

 hören



Ich bin Worte

Ich bin das Licht der Welt

Ich bin der gute Hirte

... wie eine Henne

Ich bin das Wasser des Lebens

Ich bin der Weinstock



Evangelisten

Hildegard die Tochter Christi

Johannes der Adler

 Markus der Löwe

Matthäus der Mensch

Lukas, der geflügelte Stier



Lebenskraft im Kontext der TCM

aufsteigende Lebenskraft

absteigende Lebenskraft

Lebenskraft des Atems

Lebenskraft bringt die Organe in Kommunikation

vorgeburtliche Lebenskraft



Lebenskraft

im Kontext der Hippokratische Medizin)

Fusszentrum

Scheitelzentrum

Atemzentrum

Magenzentrum

Scheidenzentrum



Weisheit

 

Die Weisheit der Frauen baut ihr Haus (Spr 14,1)

Hirten, die euch weiden sollen in Weisheit (Jer 3,15) 

mütterliche Weisheit

Die Quelle der Weisheit ist ein sprudelnder Bach (Spr 18,4)

Weisheit der Schöpfungsordnung



elementare Kräfte

Erde

 

Feuer

 

Luft

Wasser

4 elementare Kräfte bringen Holz hervor 



Stadien des Lebensbaumes

Frucht

Stamm

Bahnen

Wasser

Wurzel



Simile - Lebenskreuz aus dem Olivenbaum

Die Bilder haben eine gemeinsame Wurzel - hier dargestellt als "Holz des Heils". Es ist nicht irgendein "Holz" gemeint, sondern ein individuelles Holz: das Holz des Olivenbaums. Er erscheint in der Mitte des letzten Bildes aus dem Zirkel und kann  in jedem Bild in einer Phase wahrgenommen werden. Sein inneres Wesen ist der Wunsch nach Einheit (As if one - Arzneiprüfung von Jeremy Sherr). Er gibt die individuelle christliche Bedeutung des Lebenskreuzes wieder und ist das wichtigste Symbol des Christus medicus. 

Das Bild des Lebensbaums bildet die Mitte von LDO und steht analog zu der Tabelle im 5. Kapitel. 

Den Text über den Lebensbaum in LDO  lesen

 

Nach dem Demutstopos ist hier das "Herz" der Medizin und die innere Ordnung der Bilder. 


O Urkraft aus Ewigkeit - 

alles hast Du geordnet in Deinem Herzen. 

Alle die Dinge der Welt,

so wie sie da sind, wie Du sie gewollt,

Du hast sie geschaffen

aus Deinem Wort.

Und dieses Dein Wort

bildete einen Körper

in jener Gestalt, wie sie erwuchs uns aus Adam. 

 

Und also ward 

auch unsere leibliche Hülle

befreit von gewaltigem Leid.

 

O wie groß ist unseres Heilandes Güte!

Er hat alles erlöst, da Er Mensch ward,

als Er - ohne die Fessel der Schuld - ausging aus Gott.

 

Ehre sei dem Vater und dem Sohne

und dem Heiligen Geist!

Und also ward auch unsere leibliche Hülle

befreit von gewaltigem Leid.

 

Hildegard von Bingen, Symphonia