Die Lebenszyklen des Menschen (Texte)

Der Zyklus der Schwangerschaft

 

 

 

Das oben stehende Bild zeigt nicht die 12 Monate des Jahres, wie wir es eigentlich erwarten können, sondern den ersten Lebenszyklus des Menschen: die 10 Monate der Schwangerschaft. 

 

In der Gebärmutter unserer Mutter werden wir "wie im Schlaf" gebildet. Hier bildet Gott die Natur in uns vor. Sie prägt unser ganzes Leben als unsere Konstitution. 

 

Diese Erfahrung ist universell für die ganze Menschheit. Es gibt niemanden, für den sie nicht gilt. 

Text Hildegard von Bingen

 

Wie Gott die Natur im Menschen im Menschen vorgebildet hat, so hat Er auch die Zeiten des Jahres in ihm durchgeordnet. Mit dem Sommer gab Er einen Hinweis auf den wachenden Menschen, mit dem Winter auf den Schlaf. Wie der Winter in seinem Schoße verbirgt, was dann der Sommer mit Freuden hervorbringt, so wird der schlafende Mensch durch Schlummer gekräftigt, damit er bereit sein kann, mit wachen kräften jedwedes Werk durchzuführen. (LDO IV 98)

 

 

Die 12 Monate des Jahres  als Stadien menschlichen Leben

 

 

 

 

Jahreszeiten sind ein Spiegel des menschlichen Lebens, im Bild von Hildegard  oben dargestellt als neu geborenes Kind, das alle Stadien des Jahres durchläuft bis zur „Frucht“, dem reifen Weizenfeld am Ende seines Lebenskreises. Nach jüdisch – christlichem Verständnis kommt der Mensch von Gott und kehrt wieder zu Gott zurück.  

Text Hildegard von Bingen, LDO IV - 98

 

Das Neue Leben

 

Im ersten Monat erhebt die Sonne sich wieder. So wirkt die Seele voller Freude in der Kindheit des Menschen, jener Zeit, die noch keine Arglist kennt und die fleischliche Lust nicht spürt. Noch wird sie ja nicht genötigt, wider die eigene Natur zu handeln. In solcher Kinderzeit, deren Wunschleben so einfältig und unschuldig erscheint, zeigt sich die Seele in ihrer ganzen Kraft. Wie…die Sonne sich im ersten Monat wieder erhebt, so ist auch die Seele in diesem frühen Lebensalter nicht verstockt und nicht völlig verdunkelt…

 

Die Zeit der Jugend – Frage nach der Echtheit der Beziehungen

 

Der dritte Monat kommt mit einem wilden Wirbel herauf. In dieser Situation gleicht der Mensch in der Mitte seiner Jugend einem Baum, der zunächst nur grobes Geäst und später erst die Früchte ans Licht bringt…er täuscht sich aber gewaltig, wenn er glaubt, sich schon für einen Weisen halten zu dürfen, während er doch gerade in seiner Verwegenheit und seinem Hochmut gleichsam wie eine frische Wunde eitert.

 

Die „hohe“ Zeit (Hochzeit) – Wahl der Beziehungen

 

Der vierte Monat ist voller Lebensgrüne und Wohlgeruch, auch wenn es in ihm schrecklich donnern kann. Diesem Monat gleicht der Mensch, wenn er kraft des Vernunfthauches seiner Geistigkeit im Gewissen das Grün der guten Werke einsichtig auswählt. Es ist der Monat, in dem alle Frucht der Erde zu grünen anhebt und der des Duftens voll ist.

 

Freude an Beziehungen

 

Der fünfte Monat ist lieblich und leicht und herrlich in allen Dingen der Erde. Der Mensch kann durch Erkennen und Auslesen Wertvolles und Minderwertiges unterscheiden. Der fünfte Monat, der Mai, Träger allerlieblichsten Duftes der Blüten, macht des Menschen Herz so froh…

Der fünfte Monat ist lieblich leicht und herrlich in allen Dingen der Erde, der Mensch mit Freude erfüllt. 

 

Die Zeit der Arbeit und Kraft

 

Der sechste Monat mit seiner Hitze ist recht trocken. ….die Menschen  (müssen) sich jeder Arbeit unterziehen, jegliches Werk durchführen….Zuweilen sehnen sie sich ob aller Arbeit nach Ruhe, wie wenn ein Vogel vor Ermüdung seine Flügel lockert, und wie die Wurzel ihre Zweige hält.

Der siebente Monat brennt in voller Sonnenglut und hat gewaltige Kräfte in sich. Er macht die Früchte der Erde reif und trocknet sie aus. …er ist voller Leidenschaft.

 

Der achte Monat kommt in voller Kraft herauf

 

Die Zeit der Reife

 

Der neunte Monat ist Reifezeit. Keine schrecklichen Gewitter verzerren mehr sein Gesicht. Allen wertlosen Saft nimmt er von den Früchten, damit sie gut zu genießen seien. …Des Menschen Seele legt einen äußerst starken Panzer an, sorgfältig gewebt und zusammengefügt.  Es ist dies die Geduld, eine Tugend, die kein Pfeil zu durchbohren vermag. ..So hält die Geduld alle Werke in der maßvollen Mitte, gleichsam in ihrer vollen Reife…

 

Die Zeit des Alters

 

Der zehnte Monat gleicht einem sitzenden Menschen. Er eilt nicht mehr in der Vollkraft seiner grünenden Lebensfrische geschwinde dahin und hat nicht mehr die volle Lebenswärme. So faltet sich auch der sitzende Mensch zusammen, um der Kälte zu entgehen. Er zieht sich jetzt ein Kleid über, damit er es warm hat. Das ist ein Beispiel dafür, dass der Mensch, wenn er im Alter zu frieren beginnt, auch weiser wird. Denn der knabenhaften Sitten überdrüssig, stellt er in der Reife des Alters den Wankelmut leichtfertiger und törichter Verhaltensweisen ein. Er meidet die Gesellschaft stupider Leute, die ihn mit ihrer Unwissenheit doch nur täuschen würden. Auch lassen wegen der Alterskälte in ihm die vielfältigen und nun überflüssig gewordenen Gelüste im Fleischlichen nach. So ist auch dieser Monat bei all seiner Grünkraft nicht mehr ganz angenehm, da infolge der Trockenheit und Kälte die Zweige entlaubt werden. Die Seele aber, geschaffen als ein lebendiger und kluger Geisteshauch aus Gott, der in Wahrheit die Weisheit selber ist, belehrt den Menschen, dass er festhalten soll, was von Gott kommt. 

 

Zurück zu den Anfängen!

 

Der elfte Monat kommt gebückt. Er baut die Kälte auf. Keine Sommerfreuden hat er aufzuweisen. Er bringt die Schwermut des Winters. Die Kälte bricht aus ihm heraus, fällt über die Erde und wühlt den Schmutz auf. Dem gleicht der Mensch, wenn er die Knie beugt, damit die Kälte ihn nicht durchdringe. Beugt er so in Trauer seine Knie, dann häuft er in seinem Herzen schmerzvolle Gedanken, hält sich für nichtigen Schmutz und findet nicht mehr den Aufschwung zur Freude.

Aus Furcht vor der Kälte schleppt sich ein solcher Greis, da er seiner eigenen Natur nach kalt geworden ist, mit seinen Gliedern ans Feuer. Deshalb ist dieser Monat, der fern von den Freuden des Sommers seine tristen Tage kalt dahingehen lässt, den Knien des Menschen zu vergleichen, die der Greis voll Schwermut krümmt, wenn er an seine ursprüngliche Lage denkt, da er genauso mit eingekrümmten Knien im Mutterleib wie eingeschlossen da hockte.

 

Der Kreis schließt sich

 

Der zwölfte Monat ist mächtig kalt. Die Erde wird hart und friert. Winter bedeckt das Land mit gefrorenem Schaum und macht es lästig und beschwerlich. Mit diesen Eigenschaften werden die Füße des Menschen verglichen. Auch die Seele eines Menschen, der im Zorn das Blut eines Mitmenschen vergossen hat oder ihm rachsüchtig ein anderes Unrecht antat, wird auf das schwerste befleckt. Wie der Körper nach dem Ausscheiden der Seele ohne Wärme ist und kalt bleibt, so wird auch die Seele ohne die Glut der Gaben des heiligen Geistes durch den Zorn verhärtet und vergisst ihre eigene Natur, in der sie doch vor dem Angesichte Gottes wie mit warmem Blute erscheint.

 

Hier erwartet jeden Menschen nach christlichem Verständnis das Endgericht.


Die tiefe Dimension der Liebe 

 

Meine Lebensjahre geben mir in jedem Monat die Chance, Christus zu begegnen und von ihm geheilt zu werden. 

Er verwandelt mein Leben in einen Weg der Heiligung 

 

Ein glückliches Leben möchte ich haben

in der Ruhe der Ewigkeit.

Schon in den Tagen der Lebensblüte,

da ich zur Heiligkeit wachse und reife,

will ich gedenken meines Schöpfers

in guten und heiligen Werken.

 

Es kommt ja die Zeit, da Fleisch und Blut

Abnehmen bis auf die Knochen.

Die Asche des Leibes zerfällt in den Staub

Der Erde, aus der ich geschaffen;

In anderes Leben geht sie dann über.

 

Der Geist, der meinen Körper belebte,

wird ihn verlassen und kehrt zurück

zum Herrn der Schöpfung, der ihn aus Gnade

meinem Leibe verliehen.

 

Du, Schöpfer, bist wie ein Schmied,

der mit dem Blasbalg das Feuer entfacht,

sein Werkstück nach allen Seiten dreht,

um sein Werk zu vollenden.

 

Wenn ich, von guten Taten geleitet,

zur ewigen Freude heim gefunden,

lass mich das reinste Licht erblicken.

Lass mich der Engel Lieder hören

Und das ersehnte Gewand des Leibes,

dessen ich mich entkleidet,

wiedererhalten zu meiner Freude. 

LVM IV, 68

 

Das Jahr wird zum Symbol von Diagnose und Therapie in HIldegards Naturheilkunde