Ehrfurcht vor dem Leben

Paradigma lebendiges Leben

Filme wie "Der Medicus" erwecken heute den Eindruck einer primitiven Medizin im Mittelalter - ohne Hygiene, ohne Anatomie, ohne den Mut, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, ohne Leben rettende Operationen. Dabei überträgt der Film unsere Vorstellungen von Medizin auf frühere Zeiten. Alte Heilkunden haben ein anderes Paradigma. Sie gehen aus von lebendigem Leben. Wenn heute Medizinstudenten Leben an der Leiche studieren, dann zeigt sich hier deutlich eine ganz andere Vorstellung von Medizin. 

  

So wird ... das Fleisch durch die Lebenskraft lebendig. 

Einzig und allein durch diese lebendige Kraft lebt es als Fleisch.

Fleisch und Leben und das Leben im Fleisch sind ein einziges Leben

(und können nicht unterschieden werden).

Dies war Gottes Absicht, als Er in Adam durch den Geist, den Er ihm einhauchte, Fleisch und Blut kräftigte;

denn schon damals hatte er jenes Fleisch im Auge, in das er sich einzuhüllen dachte.

Und er hatte es brennend lieb.  HvB, LDO.  

 

"Vita" (Leben) ist kein aktives energetisches Prinzip wie das Licht - es ist ein Raumprinzip. Es verbindet und schafft Harmonie und Einheit. Es wird Personal verstanden (und nicht wie in unserem von Mathematik und Naturwissenschaften geprägten Weltbild physikalisch.

 

Jesus Christus spricht: Ich bin die Lebenskraft (LDO I 2)

Der Heilige Geist, bewirkt Lebenskraft. 

Auf diese Weise ordnet Gott den Menschen auf Sich zu.

 

Der Heilige Geist wird christlogisch, d.h. von Trinität her verstanden. 

 

Christus spricht: Und so diene ich helfend. Denn alles Leben erglüht aus mir. Das ewig sich gleichbleibende Leben bin ich - ohne Ursprung und Ende. Eben dies Leben ist Gott, stetig sich regnet und ständig am Werk, und doch zeigt sich das eine Leben in dreifacher Kraft. Denn die Ewigkeit wird der Vater genannt, das Wort der Sohn, und der Hauch, der beide verbindet, der Heilige Geist. So hat es Gott in den Menschen gezeichnet. In ihm sind Körper, Seele und Vernunft.

 

Inkulturation

 

Heiliger Geist als Lebenskraft gehört zu Pfingsten und ermöglicht zur Zeit Jesu Inkulturation, Mission, Universalität christlichen Glaubens. Hier zeigt sich das Wesen Christi, sein Herz - Caritas. Er thront nicht über allem, er kommt dem Menschen entgegen, will sich einbringen, verständlich machen. Alle  alten Heilkunden, die sich über einen sehr langen Zeitraum erhalten und bewährt haben,  gründen auf dem  Paradigma lebendiges Leben und sind sich von daher erstaunlich ähnlich. 

 

  Lebenskraft (vita)

Hildegard: Gottes Geist bewirkt Lebenskraft 

Homöopathie = Heilgesetz der Lebenskraft 

TCM: Qi - Lebenskraft (besonders alte TCM, in der Qi als Yin und Yang gedacht wird).

Ayurveda - die Lehre vom Leben

 

Lebenskraft kommt aus dem Herzen Gottes und ist geprägt von der tiefen Dimension der göttlichen Liebe, der Caritas. Christliche Heilkunde ist von Ostern geprägt. Ostern ist nicht einfach ein Datum auf dem Kalender, sondern Gegenwart und Erfahrung des Heiligen Geistes in der Welt. Ostern ermöglicht Zeit - eine Gegenwart, die nicht vom Tod geprägt ist, sondern Zukunft hat. Es ist die göttliche Liebe, die das ursprünglich von Gott geschenkte "Potential als eine Herausforderung für ein erfülltes Leben zur Entfaltung bringt".

 

Das ist keine leere Philosophie, sondern sondern findet seinen Niederschlag in den Heilgesetzen alter Heilkunden.  Aber erst in Christus wird die Lebenskraft in ihrer ganzen Fülle erfahrbar. 

 

Christus ist auferstanden! Er wird auch meinen Tod in Leben verwandeln!

 

Das Kreuz

 

Die Caritas beinhaltet die freie Entscheidung für das Geringe. Das Symbol der Lebenskraft ist zugleich das wichtigste Symbol des Christentums - das Kreuz. Es ist nicht einfach ein Baumstamm, an dem Christus gehangen hat. Es hat eine tiefe Bedeutung in der Medizin und kommt ebenfalls in allen alten Heilkunden vor. 

 

„Und so diene ich helfend. Denn alles Leben erglüht aus mir. Das ewig sich gleich bleibende Leben bewirke ich, ohne Ursprung und ohne Ende (Welt und Mensch)

 

Vergleichende Vorstellungen der TCM

 

Auf dem Internationalen Kongress über Hildegard von Bingen habe ich die ausgewählten Bilder des Codex Lucca asiatischen Teilnehmern vorgelegt. Die spontane Reaktion: Das sind Bilder der TCM. Ich war sehr berührt. Sollte das, was die Chinesen das Tao nennen, nicht in Wirklichkeit die Caritas sein?

 

Et quomodo Deus prescientiae suae opere uacuus esset, cum omne opus ipsius, postquam corpore induitur, in officio, quod ei adelt, plenum sit, quod ipsa sancta diuinitas sciendo, cognoscendo, ministrando sibi adesse presciuit? (LDO I, VI, 12)

 

Der Eindruck wird bestätigt durch die Dissertation des Südkoreanischen Priesters Dr. Hyeon-Kweon Stephan Cho: Heiliger Geist als Lebenskraft für Kirche und Menschheit. Die Qi - Idee als Inkulturationsangebot fernöstlicher Pneumatologie (Regensburger Studien zur Theologie 2002). Dr. Cho nimmt die Qi - Idee, um seinen Zeitgenossen die Wirklichkeit des Heiligen Geistes zu erklären. Ganz ähnlich bei Hildegard von Bingen. Auf einer bestimmten Ebene kann man beide nicht unterscheiden. 


An den Heiligen Geist

 

Heiliger Geist - Leben schaffendes Leben,

Das All bewegend,

und zugleich Wurzel jeder Kreatur.

Er reinigt alles vom Schmutz,

tilgt die Übeltaten

und salbt die Wunden.

und so ist er leuchtende Lebenskraft,

lobenswert,

alles erweckt er stets von neuem (HvB Symphonia).

Qi - die Lebenskraft der TCM

Vision 1 illustriert das Vorwort und erste Kapitel von LDO. Das Schwert in der Hand des Christus ist ein Hinweis auf die Kreuzzüge. Als Hildegard ein Jahr alt war, wurde Jerusalem von den Kreuzfahrern besiegt. Auch die Schreibfeder des Mönchs steht nicht im Text und wurde nachträglich zugefügt.