Mit Esel heilen

Esel sind auf der ganzen Welt verbreitet. Sie sind das anspruchslosen Arbeitstier des kleinen Mannes.
Esel sind auf der ganzen Welt verbreitet. Sie sind das anspruchslosen Arbeitstier des kleinen Mannes.

Text Hildegard von Bingen, LDO IV, 105

Die Welt ist durch Christus, nicht ER aus der Welt entstanden....Auf diese Weise ordnet Gott den Menschen auf sich zu, weil es in Seinem Willen beschlossen war, dass Sein Sohn aus dem Menschen Fleisch annehmen sollte...

Denn Er hatte die Welt geschaffen und sich mit der menschlichen Natur bekleidet. Daher sind alle Geschöpfe ein Hinweis auf IHN, so wie eine Münze das Bild ihres Herrn zeigt. Gott hatte die Welt erschaffen, die er bereiten wollte als eine Heimat für den Menschen. Weil er die Menschheit anziehen wollte, machte Er den Menschen zu seinem Bild und Gleichnis. Deshalb ist alles Sein Eigentum.... 

Die Menschen verleugneten Ihn, weil sie nicht einsahen, dass sie von IHM allein erschaffen worden waren. Die Ungläubigen nahmen seine Menschheit nicht an; in ihrer ungläubigen Verblendung erkannten sie Gott nicht in seiner menschlichen Natur. ...

Dieser Sachverhalt findet folgende körperliche Entsprechung: In den Beinen des Menschen wird seine Jugendlichkeit bezeichnet....Wie Jugend, von er äußeren Natur betrogen, sich ergötzt, so wandelte auch damals die Welt in eitlem Wahn. 

Daher war es notwendig geworden, dass Gott sich ihnen zeigte, dass Er sie an sich zog - wie Er auch befahl, dass man Esel und Füllen loslöse und Ihm zuführe, damals, als Er sich mit dem Gesetz der Wahrheit über sie stellte.

(Lat: et ideo necessarium fuit ut Deus illis seipsum ostenderet et eos ad se colligeret, sicut etiam asinam et pullum eius absolui et sibi adduci iussit, ubi seipsum cum lege ueritatis super eos posui (LDO IV, 105).

Tau des Heiligen Geistes - Taufe - die Wundertaten der Füße



Hildegard von Bingen - die historische Situation

 

Hildegard verfasst Liber Divinorum als Streitschrift. Sie kämpft darin um die Bedeutung Christi als des Schöpfers, aus dem die Welt geschaffen ist und der weiß, wie man mit seiner Schöpfung umgeht.

 

Sie zeigt sich in aller Öffentlichkeit in ihrer Busskleidung und gibt sich damit eine Blösse. Dabei ist sie in einer Tradition aufgewachsen, in der ein Geistlicher sich demütig zurückhält und sich schon gar nicht öffentlich darstellt. Warum tritt sie aus ihrer Anonymität heraus und macht sich zu einer öffentlichen Person? Es ist nötig - sagt sie und erinnert an die Weise, wie die alte Kirche mit Häresie (und dazu gehören für Hildegard auch die neuen nicht christlichen Heilslehren) umgegangen ist: sie führen sich die Situation von Jesu Leiden und Tod vor Augen. Das wahre Gesetz der Heilkunde zeigt der Esel. Mit ihm beginnt der Kreuzweg Jesu in Jerusalem.  

 

Der Esel zeigt das Gesetz der Wahrheit - Lukas 19

 

Der Bibelauslegung Hildegards kann man folgen nach dem Lukasevangelium (Lukas 19). Jesus zeigt in Jericho, dass er es als seine Aufgabe sieht, Kranke und Verlorene zu heilen (Vers 10). Er spürt, dass seine Zuhörer ihm nicht folgen können. Sie meinen, das Reich Gottes werde jetzt und hier sogleich offenbar werden (Vers 11). 

 

Sie liebten die Eitelkeit der Welt, sie glaubten zu wissen, was sie nicht wussten, und zu sein, was sie nicht waren. Auf IHN aber, der ihnen Fleisch und Geist gegeben, nahmen sie keine Rücksicht und glaubten nicht. Wie Jugend, von er äußeren Natur betrogen, sich ergötzt, so wandelte auch damals die Welt in eitlem Wahn. (LDO IV, 360ff)

Christus erzählt nun die Geschichte von den anvertrauten Pfunden,

um den Jüngern ihre Verantwortung vor Augen zu führen. Er bleibt nicht mehr zurückhaltend demütig, verlässt die Ebene des Gleichnisses und wird emotional. 

V. 27 Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde, bringt her und macht sie vor mir nieder. 

 

Er spürt, dass eine Energie in ihm schwingt, die der natürlichen Welt, dem Kosmos angehört. In der schweren Situation im Angesicht des Todes ist Er an seine Grenze gekommen. 

 

Nun demonstriert er seine Heilkunst öffentlich an sich selbst. Er, der die Last der ganzen Welt zu tragen hat, braucht einen Esel. Das ist nicht nur äußerlich zu verstehen, sondern Esel passt in die ganze Situation. 

Die Diagnose und Behandlung kann man im Rahmen der Komplementärmedizin in den Texten der Bibel erkennen (s.u.). Im Sinn von Hildegard möchte ich sagen: So sehr wurde Gott Mensch, dass er einem Esel ähnlich wurde und der ihm helfen konnte. 

 

Die Wahrheit dieser Demonstration erkannten nur die Jünger: nicht Christus, sondern die Menschen  brauchen den Esel als Heilmittel. Darum legen sie ihre Kleider auf den Esel, und lassen Christus auf ihnen sitzen.

 Die Menschen tragen schwer an der Last ihrer Sünde.  Bild der demütigen Nonne schwingt der "Heilandsruf" Christi mit.

Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.

So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 

 

Das Wesen des Esels  - 4. Mose 22

Das Alte Testament zeichnet ein Heilmittelbild des Esel. Es steht inhaltlich direkt nach der von Christus in Joh 3 aufgegriffenen  Geschichte der ehernen Schlange. Das ist kein Zufall. 

Gott gleicht einem Esel

Vor der Landeinnahme durch das Volk Israel fordert der Moabiterkönig Barak den (nicht jüdischen) Priester Bileam auf, Israel zu verfluchen. Wie die Propheten Israels handelt dieser nicht eigenmächtig, sondern wartet auf die Weisung des Herrn. 

V. 20f Da kam Gott in der Nacht zu Bileam und sprach zu ihm: Sind die Männer gekommen, dich zu rufen, so mach dich auf und zieh mit ihnen, doch nur was ich dir sagen werde, sollst du tun. Da stand Bileam am Morgen auf und sattelte seine Eselin und zog mit den Fürsten der Moabiter. Aber der Zorn Gottes entbrannte darüber, dass er hinzog. Und der Engel des Herrn trat in den Weg, um ihm zu widerstehen. Er aber ritt auf seiner Eselin, und zwei Knechte waren bei ihm.

Und die Eselin sah den Engel des Herrn auf dem Wege stehen mit dem bloßen Schwert in der Hand. Und die Eselin wich vom Weg ab und ging auf dem Felde; Bileam aber schlug sie, um sie wieder auf den Weg zu bringen. 

Da trat der Engel des Herrn auf den Pfad zwischen den Weinbergen, wo auf beiden Seiten Mauern waren. Und als die Eselin den Engel des Herrn sah, drängte sie sich an die Mauer und klemmte Bileam den Fuss ein an der Mauer, und er schlug sie noch mehr. 

Da ging der Engel des Herrn weiter und trat an eine enge Stelle, wo kein Platz mehr war auszuweichen, weder zur Rechten noch zur Linken. Und als die Eselin den Engel des Herrn sah, fiel sie in die Knie unter Bileam. Da entbrannte der Zorn Bileams, und er schlug die Eselin mit einem Stecken.

Da tat der Herr der Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam: Was habe ich dir getan, dass du mich nun dreimal geschlagen hast? Bileam sprach zu der Eselin: Weil du Mutwillen mit mir treibst! Ach dass ich jetzt ein Schwert in der Hand hätte, ich wollte dich töten! Die Eselin sprach zu Bileam: Bin ich nicht deine Eselin, auf der du geritten bist von jeher bis auf diesen Tag? War es je meine Art, es so mit dir zu treiben? Er antwortete: Nein.

Da öffnet der Herr dem Bileam die Augen, dass er den Engel des Herrn auf dem Wege stehen sah mit einem bloßen Schwert in der Hand, und er neigte sich und fiel nieder auf sein Angesicht. Und der Engel des Herrn sprach zu ihm: Warum hast du deine Eselin nun dreimal geschlagen? Siehe, ich habe mich aufgemacht, um dir zu widerstehen, denn dein Weg ist verkehrt in meinen Augen. Und die Eselin hat mich gesehen und ist mir dreimal ausgewichen. Sonst, wenn sie mir nicht ausreichten wäre, so hätte ich dich jetzt getötet, aber die Eselin am Leben gelassen.

Da sprach Bileam zu dem Engel des Herrn: Ich habe gesündigt. Ich hab´s ja nicht gewusst, dass du mir entgegenstandest auf dem Weg. Und nun, wenn dir´s nicht gefällt, will ich wieder umkehren. Der Engel des Hern sprach zu ihm: Zieh hin mit den Männern. Aber nichts anders als was ich zu dir sagen werde, sollst du reden.

Gott gleicht nicht einer Schlange, sondern einem Esel. Er dient dem Menschen. 



Esel - ein Heilmittel der Komplementärmedizin

 

Homöopathie. Potenzierte Eselsmilch (Lac asinum) wird einem Patienten gegeben mit dem  Bild eines Lastträgers, "eines geschundenen, ausgenutzten und verlachten Wesen, das für andere den Trottel macht...Er fühlt sich unfair und grob behandelt und ist daran völlig unschuldig; würde gern vehement rebellieren, fühlt sich aber zu unbeholfen". Körperlich Schwächegefühl in den Knien (F. Master, Milchmittel).

 

 

TCM: Gelatinum Corii Asini (aus Eselshaut gewonnene Gelatine) E. Jiao. Es baut Yin und Blut auf, reduziert Blutungen. Indikation: "körperliche Schwäche...psychische und physische Müdigkeit...um Blut und Qi zu harmonisieren (z.B. bei drohenden Blutungen, Fehlgeburt) (C. Focks, Leitfaden)

 

Fall aus meiner Praxis

Eine Frau mit 45 Jahren kommt mit multiplen Beschwerden in meine Praxis. Sie hat fünf Kinder zu versorgen und fühlt sich überfordert. Ihre psychische Befindlichkeit passte zum Esel, und sie erzählte strahlend, wie sehr sie dieses Tier schon von klein auf angezogen hat. Eselsmilch in homöopathischer Potenz (Lac asinum LM 3) half ihr.  


Esel - ein Symbol des Widerstands

Der geistige Umbruch erfolgte nicht ohne Konflikte, besonders im deutschsprachigen Raum.

"Zur Zeit Hildegard ist es Rupert von Deutz, der sein Kloster auf dem rechten Rheinufer verließ, um auf einem Esel nach Laon in Frankreich zu ziehen, ein sprechendes Beispiel für die Spannungen, die daraus resultieren. Er wollte in Kanon nicht so sehr die neuen Meister hören, als seine eigenen Standpunkte verteidigen. Natürlich kehrte er, als nicht ganz ernst genommen, enttäuscht zurück. Der Inhalt sehr vieler Bücher, die er hinterließ, bezeugt bis jetzt, dass er nie seinen "monastischen" Ausgangspunkt aufgab. Er ist einer der Autoren, die von Hildegard gelesen wurden. (Berndt, Im Angesicht Gottes sieht der Mensch sich selbst. S. 745).

"In Deutschland blieben die Klöster, vor allem die der Benediktiner...noch lange die beherrschenden Zentren der Gelehrsamkeit, während in Italien, Frankreich, England die in den Städten langsam die Leitung übernahmen. Es ist im Licht dieser Entwicklung dann auch nicht erstaunlich, dass die früheste Universität im deutschen Sprachraum erst 1348 in Prag durch den luxemburgischen Herrscher Karl IV. entstand." (Embach)