Weizen

Hildegard kannte nicht die modernen Weizensorten, sondern alte Sorten wie Urweizen und  Kamut.

Weizen ist das erste - exemplarische - Heilmittel aus Hildegards Arzneimittellehre Physica. 

Das "Herrenwort" Christi:  Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Joh 8, 24

 


Das tägliche Brot

 

 

Die alten Heilkunden unterscheiden nicht grundsätzlich zwischen Ernährung und Medizin. Weizen ist sowohl ein Mittel zur Ernährung als auch zur Heilung.

Die Mönchsheilkunde hat ihre Entsprechung in der Caritas, der unaufgeregten Mutterliebe des Alltags. Sie legt ihren Fokus auf gewöhnliche, intellektuell langweilige Arzneibilder, für die man kein großes medizinisches Spezialwissen braucht. Sie ist Volksheilkunde, Frauenwissen, eine Medizin für arme Länder. 

Aber: Ein gefüllter Magen ist die Voraussetzung für jede medizinische Heilung, und die Bekämpfung von Hunger hat erste Priorität. Aber auch für reiche Länder gilt, dass durch eine gute und angemessene Ernährung eine homöopathische Behandlung an Tiefe gewinnt. 

 

Vergleiche dazu das Arzneibild Dr. Scholten. „Die Poaceae sind eine merkwürdige Familie. Diese Pflanzenfamilie ist eine der größten und am weitesten verbreiteten Familien, wird aber homöopathisch sehr wenig genutzt. Das könnte damit zu tun haben, dass Homöopathen eher ein Faible für seltene und außergewöhnliche Exoten oder sonderbare, giftige und gefährliche Substanzen haben; die Poaceae sind dagegen geradezu unscheinbar, fade und langweilig. …Es sind meist geradlinige Menschen wie Bauern, die ein gesundes Leben auf dem Land führen. Sie gehen davon aus, dass Beziehungen bindend und von Dauer sind….Ihrer Meinung nach muss jedes Familienmitglied die Familie und Ehe unterstützen, und genau das tun sie….Diese Pflanzenfamilie präsentiert die gesellschaftlichen Grundpfeiler, also das elementare, aber etwas fade tägliche Brot und weniger die Würze des Lebens…“(Jan Scholten, Wunderbare Pflanzen 633.42) 

 


Nicht allein sein Wollen

 Das Wesen des Weizens ist: er will nicht allein sein. 

Wunsch, Teil einer Gruppe zu sein…“(Jan Scholten, Wunderbare Pflanzen 633.42)

 

Dieses Symptom ist kein Zeichen von Krankheit -im Gegenteil. Es hat seine "Causa" im Paradies, einer Zeit vor aller Krankheit und Not, als der Mensch noch in einer unmittelbaren Gemeinschaft mit Gott lebte. 

 

In der bildhaften Erzählweise des AT wird es so beschrieben: 

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin zeigen, die um ihn sei. 

Er bringt  zunächst die Tiere zu dem Menschen, aber sie passen nicht vollkommen auf ihn. So lässt Gott ihn in einen tiefen Schlaf fallen, nimmt eine seiner Rippen und baut daraus eine Frau, die ihm - anders als die Tiere - bis in die körperliche Ebene ähnlich ist (Gen 2, 18). Sie sind "ein Fleisch", ein einziger Körper, der in der Lage ist, neues Leben zu gebären. So finden Mann und Frau zu der ihnen eigenen Identität. 

 

 

 

 

 

 

 

Weizen als Ausgleichsmittel

 

Die tiefe Dimension der Caritas

 

Weizen wird erst zum Heilmittel, wenn es gemahlen wird. Er ändert seine Disposition. 

 

 

Miasmen

Ein  Bein des jungen Mannes ist sauber, das andere "verschmutzt" - ein Symbol für Miasmen. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft wird zum Entscheidungskriterium des Endgerichts Mt 24. Die eigentlich heilende Gemeinschaft ist nicht die, die wir haben, sondern die wir dem anderen geben, der sie braucht. 

 

Das Lebenskonzept Hildegard von Bingens: selbst zum Heilmittel werden. Sich durchkochen lassen und seine natürliche Disposition verändern.  

 

Demut

Die tiefe Dimension findet man in der Ergänzung durch Vision 1. 

 

Göttlicher Menschlicher Christus - Mann und Frau - Polaritäten 

 

unten: Erde - Jungfrauenweihe - Demut

 

Der Mensch findet seine vollkommene Identität nicht in der Natur und auch nicht bei einem anderen Menschen. Er ist geschaffen zu Gottes Ebenbild und Seiner Ähnlichkeit. Er findet zu der Gemeinschaft mit Christus, wenn er sich selbst in seiner Identität als "Erde" erkennt. 

 

Tief gebeugt wird der Mensch in seiner reumütigen Gesinnung. Viel Widerspruch steht auf, in seiner Demut hält er sich für Schmutz der Erde, so dass er kaum das Heil seiner Seele erhofft. In einem solchen Augenblick hält ihm die Seele das Kreuz und das Leiden Jesu Christi vor durch die alle Sünden abgewaschen werden; alsogleich erhebt sie ihn zu neuer Hoffnungsfreude.

Immer weiter wirkt die Blühkraft guter Werke

 

So wird der Mensch durch die Reue gehal

Gott, der alles geschaffen, bildete den Menschen nach Seinem Bild und Seiner Ähnlichkeit und zeichnete in ihn sowohl die höheren als auch die niederen Geschöpfe. Er hat ihn so sehr geliebt, dass Er ihn für den Platz bestimmte, aus dem der gefallene Engel geschleudert ward, und ihm alle Herrlichkeit und Ehre zuordnete, die jener mit seiner Seligkeit verloren hatte (Welt und Mensch I, 3)

Der Mensch findet zu seiner Identität gegenüber der Natur. 

 Der Weizen reiht sich ein in den Kreis der Bäume - er wird quasi zum 10. Baum. In diesem Bild spiegelt sich der Chor der Engel - die harmonische Ordnung der Schöpfung. Nach Hildegard ist der Mensch der 10. Engel in diesem Chor. Dieses kann der Mensch nicht sehen und erkennen, nur "hören".

Die Lebensmelodie des Weizens: Opfer

Aus dem Lebenskreuz in der Mitte wachsen die großen Heilpflanzen christlicher Heilkunde: Getreide - Oliven - Wein.

Aus Weizen wird mit Wasser das Brot für das Abendmahl gebacken. Es wird zum Symbol für Christi Körper. 



Opferbereitschaft und Demut

 

Jesus Christus spricht:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:

wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein.

Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. (Joh. 12, 24 f)

 

 Zwischen den Bäumen in Vision 4 erkennt man ein reifes Getreidefeld. Es erscheint wie ein "besonderes Symptom" zwischen den Bäumen. Weizen könnte sich nach oben ausbreiten wie die Bäume in seiner Nachbarschaft. Er wächst aber nur so lange, wie es nötig ist, um Frucht zu bringen. Dann neigt er sich wieder der Erde zu.

Was steckt dahinter? Warum beendet er sein Längenwachstum?

Christus, der Schöpfer, der die Natur kennt, erklärt es seinen Schülern: Weizen opfert sich. Er stirbt freiwillig. Nur dadurch setzt er ein unglaubliches Potential frei: er bringt Frucht, Grundlage für das tägliche Brot, von dem wir leben. 

Wir leben vom Opfer. Weizen und mit ihm alle Heilmittel der Klostermedizin geben sich gern für uns hin. Unser Körper spürt ihre Liebe, und alle unsere "Adern sehnen sich danach und nehmen sie voller Verlangen auf". Sie bekommen so neue Lebenskraft. 


Vergleichende Vorstellungen der TCM

Das antike chinesische Zeichen für Holz gleicht einem Baum. Er breitet sich nach allen Seiten hin aus. Die Zweige wachsen nach oben, die Wurzeln nach unten

Das antike Zeichen für eine Kulturpflanze: die Spitze zeigt nach unten. 

Das moderne Zeichen für eine Kulturpflanze zeigt deutlich, wie das Spitzenwachstum gestoppt wird. 


Unser tägliches Sterben

 

Die Thematik des Weizens und der Vergleich mit dem Körper ist kein alter Zopf. Sie ist eigentlich sehr aktuell, man muss nur den anderen Rahmen beachten. 

Welche Konsequenz erfolgt daraus für das ärztliche Handeln? 

Hildegard sieht das so: Man muss sich in die Wandlung hineinbegeben, denn so unterstützt man seinen Körper.  Man muss sich selbst verändern, sich durchkochen lassen wie ein Heilmittel, selbst zum Heilmittel werden. 


Göttliche Gebote 

Im Fleisch, das dem Guten nicht zustimmen will,

ersehne ich dich und erfahre Dich.

O Herr, im Inneren des Herzens

sinne ich nach über Deine Gebote gegen den Willen des Fleisches.

Wie die Mühle mit Hilfe des Wassers das Korn zum Genuss zermahlt,

will ich alle Deine Gebote 

mitten im Sturzbach des Leibes meiner schwachen Menschennatur

erforschen und eifrig erfüllen (HvB).