Olivenbaum - Olea europea

 

Dieses Bild habe ich in Jerusalem aufgenommen im Garten Gethsemane. Viele alte Ölbäume erinnern an Christus. Sie halten die Erinnerung wach an Christus, der diesen Garten zuletzt kurz vor seinem Tod aufsuchte. Die Olivenbäume standen ihm zu Seite in seiner letzten Stunde, als er mit Gott rang um seine Erlösungstat. Die Menschen, auch die ihm nahestanden, schliefen. 

Für die Mönche hat die Medizin ihre Wurzeln im Gebet. Es ist das erste Heilmittel, das alle anderen einschließt.

 

 


Der Olivenbaum ist der Baum, der das Wesen Christi am meisten zeigt. Christus ist der Baum des Lebens (lignum salutis). Dabei spielt es heute eine große Rolle, ob man sich den Baum vorstellt im Sinn der Schulmedizin oder der Chinesischen Heilkunde, für die der Baum in der Wandlungsphase Holz gesehen wird. 

Die Sicht der Schulmedizin gleicht nicht lignum, sondern dem lateinischen Wort arbor. So wird Nebukadnezer beschrieben, aber nicht Christus. 

Der Olivenbaum ist auch das Symbol für Israel, für die Kirche und das Leben jedes Christen. Er zeigt die Einheit zwischen Gott - Mensch - Natur - as if one (Jeremy  Sherr, Arzneimittelprüfung des Olivenbaums). 

Er ist aber auch ein Kulturbaum, der die Pflege des Menschen braucht. In dem Sinn spiegelt er den christlichen Glauben.

Die fünf Bilder des Codex Lucca stellen die fünf Phasen des Olivenbaums dar. In dem Sinn spiegelt er den Gürtel der Engel und zeigt die kosmische Schöpfungsordnung. 

Auf der medizinischen Ebene macht es ihn zu dem idealen Arzneimittelträger.  Er stellt die Einheit her zwischen Körper und Arzneimittel. 

 

Die 3 Phasen des Olivenbaums

 

An der Lebensweise der Bäume zogen die Mönche Rückschlüsse auf ihr Wesen und ihre Heilkraft. 

 

Die Wurzel

 

Die tiefe Verankerung im Erdreich

Olivenbäume haben sehr lange Wurzeln, die sich tief in die Erde graben. Sie trotzen allen widrigen Lebensbedingungen und Gesetzen der Natur. Sie konnten sogar die Sintflut überleben. 

Olivenbäume können sehr alt werden und die Zeit überdauern. Hier im Bild Bäume aus dem Garten Gethsemane in Jerusalem. 

In dieser inneren Stärke und Kraft sehen die Mönche das Wesen der Barmherzigkeit (misericordias) Gottes. Sie überwindet alle Grenzen, sogar in ihm selbst. 

 

Das Heilgesetz

Im Sündenfall hat der Mensch das Gebot Gottes missbraucht (Gen3). "Was unrecht und böse ist, das hat Gott nicht erschaffen" (Jesus Sirach). Gott will seine Schöpfung bewahren vor dem Menschen. Er stellt vor sein Paradies Engel mit blitzenden Schwertern (Gen 3). Aber darin schlägt Gott sich selbst ein Schnippchen. Ein Baum überwindet in seinem Samen alle Grenzen. Er lässt den Menschen nach der Sintflut übeleben (Gen 8). 

 

Die Miasmen

In der zweiten Geschichte vom Sündenfall, dem Brudermord des Kain, wird in Hildegards Auslegung ein noch tieferer Punkt erreicht. Nicht nur die göttliche Ebene - auch die Ebene der Natur ist vom Sündenfall betroffen. Das lebendige Blut des Bruders verschmutzt die Erde. Sie weicht vor dem Menschen zurück. 

Hildegard hat das Miasma im Blick, als Jesus unter dem Ölbaum betet, so dass seine Schweißtropfen "wie Blut auf die Erde fielen". 


Der Weg nach oben 

 

Das Stadium der Blüte

In seinem Jugendstadium wächst ein  Ölbaum sehr langsam nach oben, als wollte er den Himmel berühren. Er bildet einen festen Stamm und ist nicht so leicht zu erschüttern, weder zu viel Feuchtigkeit noch zu viel Wasser können ihm etwas anhaben. Er ist ein Kämpfer, der sich durch alle Widrigkeiten einen Weg bahnt.

Er kann in diesem Stadium mit einem Menschen verglichen werden, der alles daran setzt, einen Sieg im Kampf zu erlangen. Auch er lässt sich von nichts beirren, er kämpft bis zum äußersten.

In der griechischen Mythologie ist der erste und wichtigste Weg der Weg nach oben. Der Ölbaum in diesem ersten Stadium galt als Symbol des Sieges.

 

Der Codex Lucca zeigt diese erste Phase im ersten Bild. Das Monstrum verwandelt sich. Es fliegt nach oben wie ein Adler.  

 


 

Der Weg nach unten

Das Stadium der Frucht

Wenn der Baum sein Jugendstadium verlässt, machen die Zweige eine Kehrtwende. Sie wachsen nicht mehr nach oben dem Himmel entgegen, sondern neigen sich zur Erde. Die Kehrtwende bedeutet für den Baum ein Kampf gegen sich selbst und seine persönlichen Interessen. In diesem Stadium bilden sie Frucht. 

Die Mönche legen ihre Beobachtung in das Raster der Lehre Christi. Er ging zuerst den Weg nach unten - als er Mensch wurde, um die Menschheit zu heilen. Darum liegt der Akzent der Mönche auf dem zweiten Stadium. 

In der Bewegung nach unten findet der Baum zu seiner Bestimmung.  

  • In einer Zeit der Allergien gewinnt diese Sicht des Olivenbaums eine neue Bedeutung. In der Begründung findet man sozusagen die menschliche Ebene bei Allergien. 

 


 

Das Leiden

Der Olivenbaum ist vielseitig verwendbar und hat viele heilende Kräfte. Am wertvollsten ist das Olivenöl. Dazu muss sich jede einzelne Frucht auspressen lassen. Es bedeutet für sie Leid und Opfer. So trägt das Olivenöl in sich die Erfahrung, was Leid bedeutet. Es ist dem Leidenden auch innerlich ähnlich geworden. So kann es einen ganz tiefen Kontakt herstellen. Unser Körper ist keine Maschine. Er leidet mit uns mit. 

 

 


 

Die männliche Sichtweise

 

Der Jünger, der den Olivenbaum am meisten verkörpert, ist Petrus. Er muss schmerzvoll den Weg Gottes in seinem Leben lernen. 

Wahrlich, wahrlich ich sage dir: 

Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst

und gingst, wo du hinwolltest;

wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken

und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.(Joh 21, 18)

 


Der weibliche Aspekt

 

Sich auspressen lassen - das Lebensmotto der Mönche

 

Der Kirchenvater Augustin(354 – 430) schreibt: Die Traube hängt an Weinstöcken, die Olive an Bäumen…und vor dem Pressen ist weder die Traube Wein noch die Olive Öl.

 

Pressen  wird mit einer gebärenden Frau verglichen. Eine Frau wandelt sich zur Mutter. Es kann sich aber durchaus um eine Shiatsu Übung handeln.

 

 


Das Gegenteil ist auch richtig

 

Die Olive ist eine große Heilpflanze des christlichen Glaubens. Aber das ist nicht alles.

Beim Pressen des Olivenöls bleibt am Ende ein Rest, der nicht mehr zu medizinischen Zwecken verwendet werden kann. Es bleibt nur noch eine Funktion als Lampenöl. Aber gerade dieses Öl wird zum entscheidenden Kriterium für die Teilnahme an der königlichen Hochzeit. Die Geschichte der 10 Jungfrauen bildet den Mittelpunkt der Jungfrauenweihe, die Hildegard an den Beginn des Codex Lucca setzt. Für die 5 jungen Frauen, die nicht genug Öl haben, gibt es keine Barmherzigkeit, die Tür ist verschlossen. 

 

Unser Denken ist geprägt von dem Umbruch im Weltbild. Wir kennen nur die Eindimensionalität in unserer Denkstruktur. Bei Hildegard  finden wir ein Denken ähnlich dem Yin und Yang. Gott ist immer beides zusammen - in Göttlicher und in menschlicher Gestalt. Beide haben eine gemeinsame Wurzel - einen gemeinsamen Namen: Barmherzigkeit. Aber der Mensch hat darauf keinen Zugriff. 

 

Die Wandlungsphasen des Holzes

 

Der Codex Lucca stellt die Wandlungsphasen des Holzes im Ring der elementaren Kräfte dar. 

 

 

In der Fülle der Gnade hatte das Wort in seiner Gottheit das All erschaffen, und es durch seine Menschheit erlöst. In der Fülle der Wahrheit existiert das Wort. Es konnte keine Lüge, nichts Unwürdiges und Schuldiges anrühren. Es schloss sich auch nicht selbst solche an. Denn es ist der Herr, der durch seinen Kampf das Böse besiegte. Jene Bosheit, die ohne Gott und darum ohne Sein ist. So ist dieses Wort Gottes Sohn selbst. Er ist voll der Gnade, die Er verschenkt und erlässt nach seiner Barmherzigkeit. 

Dieses Wort hat sich in seiner Gottheit nicht verwandelt; aber es hat sich das Menschtum angezogen. Auch seine Menschheit ist voller Fülle, da keine Runzel einer Sünde der menschlichen Natur es angerührt hat...Die Fülle der Wahrheit ist dieses Wort. Es schenkt, verzeiht und richtet, wie es recht ist...

Die Worte Gottes zum Heil für Körper und Seele sind nicht aus dem Mund von Menschen verkündet, sondern durch MICH, der ICH BIN (LDO IV - 105)

 

 

Die medizinische Ebene

Die medizinische Ebene

Ich spiegele die spirituellen Aussagen auf die körperliche Ebene.

 

 


Der Olivenbaum ist der Baum des Gebets - der innigen Vereinigung von Gott und Mensch. Die Mönche sangen die Gebete. Die Zither, eins der ältesten Musikinstrumente, ist aus Olivenholz gemacht. Sie begleitet das Gebet.

 

Zu dir rufe ich, o mein Gott,

und ich erhalte Antwort von dir. 

Ich bitte, und deine Güte 

schenkt mir, was ich begehre:

ich finde bei dir, was ich suche. 

 

Erfüllt von Ehrfurcht und Freude

schlag ich die Zither vor dir, meinem Gott,

denn ich richte auf dich all mein Tun. 

All meine Hoffnung setz ich auf dich

und ruhe selig in deinem Schoß. (LVM)